Trackmania 2 Canyon: Am schnellsten durch den Wahnsinn

In der Wüste steht ein Kraftwerk. Oder ist es eine Chemiefabrik? Ein Staudamm? Egal, denn es ist unser Spielplatz. Kontrolliert durch die Kurve schlittern, hundert Meter springen, immer auf der Suche nach ein paar Tausendstelsekunden: Das ist Trackmania 2 Canyon.

Wheeeee!
Bildlegende: Wheeeee!

Trackmania ist ein seltsames Autorennspiel. Es lässt alles weg, was die Forzas und GTs und Need for Speeds heute bieten. Keine Fahrerkarriere, keine bemalbaren Helme. Keine Autosammlung, kein Fotomodus. Keine Cockpit-Ansicht, noch nicht einmal unterschiedliche Autos, lediglich die Lackierung unterscheidet sich. Nicht den leisesten Versuch einer Simulation. Keine Spezialprüfungen oder besonderen Szenarien, keine unterschiedlichen Renntypen. Keine Überholmanöver, keine Kollisionen. Schicht um Schicht wird die ganze Dekoration moderner Rennspiele abgetragen. Um das geht es und um sonst nichts: Die schnellste Zeit auf der durchgeknalltesten Strecke.

Im Einzelspielermodus versuchen wir uns an den rund 60 mitgelieferten Strecken. Und «Strecke» wird hier sehr weit gefasst. Rundkurse sind in der Minderheit, meist fahren wir nur einen Abschnitt, nach einer halben Minute oder so sind wir schon im Ziel. Die meisten Strecken haben ein oder zwei neuralgische Punkte, die man gut erwischen muss um eine gute Zeit hinzulegen. Und das sind nicht nur Schikanen. Sondern Sprünge über einen Abgrund, hunderte von Metern weit. Ein haushoher Looping. Ein wilder Ritt durch eine Art Auffangbecken für die Sintflut.

Alles in Trackmania ist riesig. In dieser Welt gibt es unendlich Beton, keine Raumplanungskommission, das Auto ist ein sofort ersetzbares Wegwerfprodukt und Sicherheit ist unnötig weil nie jemand stirbt.

Neuer Ranglisten-Modus

Jede Strecke können wir so oft fahren, wie wir wollen. Zunächst müssen wir eine bestimmte Zielzeit erreichen, die mit einer Goldmedaille belohnt wird. Haben wir diese erhalten, wird das Recht freigeschaltet, ein «offizielles Rennen» zu fahren: Mit dieser Zeit werden wir in den Online-Ranglisten aufgeführt. Alle fünf Minuten können wir erneut versuchen, unsere offizielle Zeit zu verbessern.

Dieser Modus ist neu in Trackmania 2 und nicht unumstritten. Mir hat er aber sehr gut gefallen. Denn was sich zunächst wie eine unnötige Einschränkung anfühlt, hat die Wirkung, dass der Druck enorm steigt, wenn wir die eine Chance haben, eine gute Zeit hinlegen zu müssen.

In grüner Schrift steht am rechten Bildrand «Offizielles Rennen» - und plötzlich sind wir nervös und aufgeregt. Denn wenn wir einen Fehler machen, müssen wir wieder fünf Minuten Geduld haben bis zum nächsten offiziellen Versuch. «Jaja, im Training fährst du ganz gut, aber jetzt gilt es ernst! Bringst du es wirklich?» fragt uns das Spiel eiskalt. Und plötzlich versteht man Sportler, die vor dem Reportermikrofon krampfhaft zu erklären versuchen, warum sie durchaus gut trainieren, aber im Wettkampf diese Leistung nicht abrufen können.

Der Beton-Spielplatz

Dazu kommt nun noch die Möglichkeit, selber Strecken zu bauen. Wer als Kind die Carrera- oder Matchbox-Bahn aufgestellt hat, um die Autos möglichst spektakulär aus den Steilkurven und Loopings rausfliegen zu lassen, kann den Reiz dieses Strecken-Editors sofort nachvollziehen. Es geht nicht darum, eine glaubwürdige Rennstrecke zu bauen, das wäre langweilig. Nein, es geht darum, einen Riesen-Looping in einen ausgetrockneten Stausee zu stellen und andere Rennfahrer mit scheinbar unmöglichen Sprüngen zu foltern.

Hundert Meter Sprung
durch die Lücke im Staudamm:
Spielplatz für Autos.

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger