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Geboren am ... «Für Frauen war an politische Karriere überhaupt nicht zu denken»

Legende: Video «Da habe ich mir an den Kopf gefasst» abspielen. Laufzeit 01:15 Minuten.
Aus Geboren am vom 17.08.2018.

Als Elisabeth Kopp 1936 geboren wurde, lag das Stimmrecht für Frauen noch in weiter Ferne. Im Gespräch blickt die erste Bundesrätin der Schweiz zurück auf eine beispiellose Politkarriere – und ihren jähen Absturz.

SRF: Sie haben Karriere gemacht zu einer Zeit, in der so etwas für Frauen alles andere als selbstverständlich war. Hat ein politisches Elternhaus den Grundstein dafür gelegt?

Elisabeth Kopp: Ich komme aus keinem politischen Elternhaus, aber aus einem sehr liberalen. Meine Eltern haben mir – da bin ich heute noch dankbar – viel Freiheit gelassen. Für sie war es selbstverständlich, dass ich die Matura machte und studieren ging.

Wann ist Ihnen die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen bewusst geworden?

Schon früh. Als Schülerin bat ich meinen Vater, mich zu einem Vortrag mitzunehmen. Ich sass in der hintersten Reihe ganz in der Ecke.

Elisabeth Kopp

Elisabeth Kopp

Alt-Bundesrätin

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Als erste Frau wurde Elisabeth Kopp 1984 in den Bundesrat gewählt. Ihr vorzeitiger Rücktritt 1989 ist verbunden mit einem der grössten Politskandale der Schweiz.

Kopps politischer Werdegang begann 1970, unmittelbar nach Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Zürich, zunächst als Gemeinderatsmitglied und später Gemeindepräsidentin von Zumikon. Auf der Liste der Zürcher FDP wurde sie 1979 Nationalratsmitglied.

Ein umstrittenes Telefonat mit ihrem Mann, dem bekannten Anwalt Hans W. Kopp, wurde der Justizministerin 1988 zum Verhängnis. Elisabeth Kopp drängte ihren Mann dazu, aus dem Verwaltungsrat einer der Geldwäscherei beschuldigten Firma auszutreten. Kopp wurde vorgeworfen, Amtsgeheimnisse verletzt zu haben, woraufhin sie 1989 als Bundesrätin zurücktrat. Im Vorfeld sah sie sich massivem Druck sowohl aus der Öffentlichkeit als auch aus den eigenen Reihen ausgesetzt, der rückblickend als unverhältnismässig kritisiert wurde. Obwohl Elisabeth Kopp und ihr Mann rückwirkend von den Vorwürfen gegen sie freigesprochen wurden, blieben sie lange Zeit gesellschaftlich gebrandmarkt und zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Der Leiter der Veranstaltung eröffnete mit den Worten: «Meine Damen und Herren…». Da drehten sich die – meist beglatzten – Köpfe ziemlich erstaunt oder unwillig um, bis sie in der hintersten Ecke ein weibliches Wesen entdeckten.

Derart wegen des Geschlechts diskriminiert zu werden, das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen.
Autor: Elisabeth KoppAlt-Bundesrätin

Meine Mutter sagte hinterher: «Wir sind Frauen. Wir interessieren uns nicht für derartige Vorträge.» Ich konnte nicht schlafen, ich war wütend und habe mich geärgert. Derart wegen des Geschlechts diskriminiert zu werden, das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Haben diese Erfahrungen Sie dazu bewogen, Jus zu studieren und in die Politik zu gehen?

Nein, damals war als Frau an eine politische Karriere überhaupt nicht zu denken. Wir hatten ja nicht einmal das Stimmrecht! Aber diese Ungerechtigkeit beschäftigte mich sehr.

Ich erinnere mich gut an die erste Stimmrecht-Abstimmung 1959. Viele waren dagegen, auch Frauen. Ein Kollege sagte mir allen Ernstes: «Ich verstehe dich überhaupt nicht. Du kämpfst derart für das Frauenstimmrecht, aber du bist doch sonst eine ganz normale Frau.»

Nachdem das Frauenstimmrecht 1970 in Zürich eingeführt wurde, prägte Ihr Engagement für Gleichberechtigung auch Ihre politische Laufbahn. Besonders eingesetzt haben Sie sich für das neue Eherecht. Was bedeuteten Ihnen diese Erfolge persönlich, als Frau?

Das neue Ehegesetz ist die grösste Errungenschaft meiner Karriere. Als es 1988 angenommen wurde, war ich überglücklich. Für keine andere Vorlage habe ich derart geweibelt und bin in der ganzen Schweiz umhergereist. Auch schon im Nationalrat, aber als Bundesrätin erst recht.

Damals hätte mein Mann sagen können: «Ich will nicht, dass du nach Bern arbeiten gehst!» So absurd!
Autor: Elisabeth KoppAlt-Bundesrätin

Mit dem neuen Eherecht wurde der Mann als Oberhaupt der Familie abgesetzt. Als ich damals in den Bundesrat gewählt wurde, galt noch das alte Eherecht, da hätte mein Mann sagen können: «Ich will nicht, dass du nach Bern arbeiten gehst!» So absurd!

Konnte Ihr Mann gut damit umgehen, dass Sie Karriere gemacht haben, anstatt sich um den Haushalt zu kümmern?

Er hat meine politische Laufbahn sehr unterstützt. Einen solchen Mann muss man mal finden, der jeden Abend allein zu Hause sitzt! Wenn ich spät heim kam stand er auf und sagte: «Schön, dass du wieder hier bist.»

Auch, dass ich irgendwann bekannter war als er, hat ihm nichts ausgemacht. Er hat sich gefreut! Damals hatte man die Unsitte, dass man die Frau eines Bundesrates «Frau Bundesrat» nannte. Einmal sagte er: «Von jetzt an nenne ich mich Herr Bundesrätin und laufe immer zwei Schritte hinter dir.» Er hatte einen goldigen Humor.

Gemeinsam mit Ihrem Mann sind Sie aufgestiegen, wegen ihm sind Sie aber auch tief gefallen. Ein TeIefongespräch wurde Ihnen zum Verhängnis und Sie traten als Bundesrätin zurück. War das schlimm?

Ja. Ich war sehr enttäuscht und verletzt. Ich hatte Freude an dieser Aufgabe und ich hätte gerne weitergemacht und einiges mehr auf die Beine gebracht.

Es folgte eine beispiellose mediale Hetzjagd gegen Sie und Ihren Mann. Wie haben Sie sich damals gefühlt?

Es war schlimm, vor allem die absolute Wehrlosigkeit. Wir konnten nichts machen. Alles, was ich sagte, wurde sofort in den Dreck gezogen.

Kurz nach meinem Rücktritt gab ich ein Interview, das in der Weltwoche erschien. Ich habe darin alles erklärt und es ist Wort für Wort richtig wiedergegeben worden. Aber der Titel darüber lautete: «Immer noch schönfärberisch und einsichtslos.»

Die einzigen Menschen, die uns noch besuchten, waren Betreibungsbeamte.
Autor: Elisabeth KoppAlt-Bundesrätin

Damit war das ganze Interview im Eimer. Es durfte einfach nicht anders sein, als es dargestellt wurde, obwohl viele es besser wussten. Das war das Schlimmste.

Haben Sie viel verloren? Gesellschaftlich, materiell?

Selbstverständlich! Mein Mann hatte ein brillant laufendes Anwaltsbüro und praktisch über Nacht keine Klienten mehr. Wir sind in finanzielle Schwierigkeiten gekommen.

Mein Mann ist mit mir gefallen, wie ich mit ihm.
Autor: Elisabeth KoppAlt-Bundesrätin

Die einzigen Menschen, die uns noch besuchten, waren Betreibungsbeamte. Wir mussten das Haus verkaufen. Aber wir sind zusammengeblieben.

Waren Sie nie hässig auf Ihren Mann und haben gesagt: «Wegen dir!»

Nein. Mein Mann ist mit mir gefallen, wie ich mit ihm. Er war ein grosses Geschenk in diesen schlimmen Zeiten. Er war eine sehr ausgeglichene und starke Persönlichkeit. Ich weiss nicht, wie ich ohne meine Tochter und meinen Mann diese Zeit überstanden hätte.

«Geboren am ...»

Historische Ereignisse unter einer Lupe
Legende:SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am...»: