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Geboren am ... «Mit 28 dachte ich, ich sollte mir einen anständigen Job suchen»

Legende: Video Bligg: «Ich bin kein Superheld» abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Aus Kultur vom 28.07.2018.

Bligg gehört heute zu den erfolgreichsten Musikern der Schweiz. Im Interview erzählt der Rapper vom Zürich der 1980er-Jahre, seiner Kindheit in Schwamendingen und den Schattenseiten einer Künstlerkarriere.

Legende: Video Geboren am 30. September 1976 abspielen. Laufzeit 44:00 Minuten.
Aus Geboren am vom 27.07.2018.

SRF: Sie sind in Zürich-Schwamendingen aufgewachsen, eine klassische Arbeitersiedlung. Was haben Sie dort als Kind gemacht?

Bligg: Alle Kids trafen sich in der Freizeit am Lindenplatz. Dort spielte man Fussball, fuhr Velo, tauschte Panini-Bilder. Damals kamen die ersten Nintendo-Sachen, das hatte dann nur einer im Quartier und alle Kids waren bei ihm zu Hause.

Bligg

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Mundart-Rapper

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Marco «Bligg» Bliggensdorfer ist ein Hip-Hop-Musiker aus Zürich und einer der ersten Mundart-Rapper der Schweiz. Erste Erfolge hatte er in den 90er-Jahren mit dem Rapper Lexx als «Bligg’n’Lexx». Sein kommerzieller Durchbruch als Solo-Künstler gelang ihm 2008 mit dem Album «0816», auf dem er Rap mit Stilelementen der Schweizer Volksmusik verbindet. Das Album hielt sich 100 Wochen in den Charts und erreichte fünffachen Platinstatus. Bis heute hat der Musiker 14 Alben produziert. Vier von ihnen erreichten Platz 1 der Schweizer Albumcharts, darunter seine kürzlich erschienene Platte «KombiNation».

Dann kamen die ersten Hip-Hop-Einflüsse aus Amerika: sprayen, breakdancen – das zelebrierte man auf der Strasse.

In den 1980er-Jahren stand Zürich für Drogenkonsum und Elend. Haben Sie das auch so erlebt?

Ja, schon früh und hautnah. Meinem Vater war es wichtig, dass ich die Finger von Drogen lasse. Als ich 14 Jahre alt war, packte er mich ins Auto und wir fuhren zum Platzspitz. Wir liefen hindurch und ich sah Leute, die sich Heroin unter die Zunge schossen. Mir fuhr das ein und das wollte mein Vater auch erreichen.

Die Spritzen lagen überall herum, man durfte nicht barfuss laufen.

Ich ging auch im Kreis 5 in die Berufsschule. Dort musste man am Morgen manchmal Junkies von der Treppe vertreiben, die teilweise die Spritze noch im Arm hatten. Die Spritzen lagen überall herum, man durfte nicht barfuss umherlaufen.

Ihre Eltern hatten bald genug von Zürich. Als Sie Jugendlicher waren, sind Sie mit ihnen aufs Land umgezogen. Eine grosse Umstellung?

Ich hasste es! Was ich an Schwamendingen liebte war die kulturelle Vielfalt. Man bereicherte sich gegenseitig mit seinen Geschichten und Traditionen.

Skiferien? Für uns Kids in Schwamendingen war es das höchste der Gefühle, mit einem Plastiksack den Hügel runterzurutschen.

Daheim konnten wir uns viele Sachen nicht leisten. Wir hatten meistens das Zeug vom Brockenhaus, wir gingen nie in die Skiferien. Meine Kollegen von Schwamendingen auch nicht, daher war das voll okay. Für uns Kids war es das höchste der Gefühle, mit einem Plastiksack den Hügel herunterzurutschen.

Erst als wir aufs Land zogen, entdeckte ich, dass es Leute gab, die drei- bis viermal im Jahr in die Ferien gingen. Ohne Vergleich bist du dir gar nicht bewusst, an was es dir fehlt.

Karriere und sozialer Aufstieg waren bei Ihnen daheim also nie ein Thema?

Nein, nie. Wichtig war, dass man eine Lehre machte und glücklich war mit dem, was man tat. Die Wertvorstellungen, die mir als Kind vermittelt wurden, waren simpel: genügsam sein, dankbar sein, bescheiden sein.

Ich hatte viel Verständnis für die schwierigen Umstände, in denen wir lebten.

Meine Mutter bekam mich mit 17 Jahren, sie war selbst noch ein Kind. Ich hatte viel Verständnis für die schwierigen Umstände, in denen wir lebten. Meine Mutter brach ihre Lehre ab, weil sie nach uns Kindern schauen musste. Mein Vater arbeitete auf dem Bau und holte nicht das grosse Geld nach Hause.

«Geboren am ...»

Historische Ereignisse unter einer Lupe
Legende:SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am...»:

Ich lernte früh, auf eigenen Beinen zu stehen. Mit 18 Jahren zog ich von zuhause aus und musste auf mich selber schauen. Das hat mir ein zähes Leder gegeben, welches mich das, was ich die letzten Jahre gemacht habe, überhaupt machen liess.

Ein zähes Leder – braucht man das, um in der Schweiz als Musiker Erfolg zu haben?

Die Karriere war eine Berg- und Talfahrt. Ich habe jung angefangen, ohne einen wirklichen Glauben daran. In der Schweiz von der Musik leben zu können war eine surreale Vorstellung. Es gibt nur ganz wenige, die das schaffen.

Ich habe immer parallel zum Musizieren gearbeitet: in Schreinereien, im Callcenter, als Kurier, als Handlanger. Ich war mir für nichts zu schade. Als ich um die 28 Jahre alt war, war es finanziell eine Zeit lang sehr eng. Ich hatte alles verloren und konnte meine Miete nicht mehr zahlen.

Ich dachte, dass es an der Zeit wäre, mir einen anständigen Job zu suchen. Die ganzen Kämpfe als Musiker – die Leute sehen ja meistens nur die schönen Seiten.

Ihr kommerzieller Durchbruch kam 2008 mit dem Album «0816». Auf der Platte verbinden Sie Rap mit Elementen der Volksmusik. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Mélange?

SRF fragte, ob ich mir vorstellen könnte, meinen Song «Volksmusigg» umzusetzen, Link öffnet in einem neuen Fenster mit Streichmusik Alder. Anfangs dachte ich, dass das niemals funktionieren würde und ich meine ganze Fanbase verlieren würde.

Der Song ging aber durch die Decke. Da war es naheliegend, diesen Fingerprint auf ein ganzes Album auszuweiten.

Die Volksmusik verhalf Ihnen also zum Erfolg?

Ich glaube, dass ich mit den Sachen, die ich vorher gemacht habe, gerade so gut erfolgreich gewesen wäre. Aber aufgrund von Vorurteilen und fehlenden Gefässen bei den Radio- und Fernsehstationen gab es keine Möglichkeit, sie an die breite Masse zu bringen.

Wir waren die jungen Wilden, die Rap machten mit vielen Wörtern drin.

Wir waren die jungen Wilden, die Rap machten mit vielen Wörtern drin. Radiostation blieben uns fern, weil sie fanden, dass das doch kein Mensch hören will.

Und heute?

Heute bin ich 41 Jahre alt und habe 14 Alben gemacht, das sind über elf Stunden Musik am Stück. Ich habe dem Land kulturell einen Beitrag geleistet.

Wenn Kinder heute meine Lieder singen oder sie im Musikunterricht vorkommen, fühle ich mich sehr geehrt. Das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit. Ich bin sehr dankbar.