Neubeginn in der Schweiz Einwanderer – wer bleibt, wer geht?

Die Zahlen belegen: Für sehr viele Zuwanderer läuft es gut mit der Einwanderung. Sie finden Arbeit und Freunde, sind sozial integriert. Früher oder später stellen sich viele von ihnen dann die Frage: «Soll ich Schweizer werden?»

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«Ich konnte meine Träume in Portugal nicht verwirklichen»

3:13 min, vom 23.6.2017

Im vergangenen Jahr kamen laut Staatssekretariat für Migration rund 143’000 Einwanderer in die Schweiz. Gleichzeitig haben mehr als 77’000 Einwanderer die Schweiz wieder verlassen. Das sogenannte «Wanderungssaldo», die Netto-Einwanderung, lag um 15 Prozent tiefer als im Jahr 2015.

Hinter den Zahlen verbergen sich Erfolgsgeschichten und Niederlagen, erfüllte Wünsche und zerplatzte Träume. Woran liegt es am Ende, ob Einwanderer in der Schweiz ihr Glück finden, oder nicht? Drei Erklärungsansätze:

Lisa Araujo arbeitet als Pflegehelferin in einem Alters- und Pflegeheim in Ilanz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lisa Araujo arbeitet als Pflegehelferin in einem Alters- und Pflegeheim in Ilanz. SRF

Neuer Job, neues Glück?

Lisa Araujos Sohn sagt zu ihrer Entscheidung, in die Schweiz auszuwandern: «Sie musste gehen, sie hatte keine andere Wahl.» Der 25-jährige Portugiese führt aus: «Sie musste Rechnungen zahlen. Das hätte sie mit ihrem mageren Gehalt in Portugal niemals geschafft.»

Lisa Araujo gehört somit zu jenen 50 Prozent der Einwanderer, die in die Schweiz kommen, um ihre finanzielle Situation mit einem neuen Job zu verbessern.

Weniger Luxus in der Schweiz

Ganz anders der Inder Rahul Budhwar. Der Top-Manager hat bereits alles, wovon er träumte: Ein gutes Einkommen, eine Familie und vom Chauffeur bis zur Haushälterin Bedienstete, die ihm alle Aspekte des täglichen Lebens erleichtern. Auch er wagt in der Schweiz einen Neustart, als CEO einer Schweizer Firma. Auf die Annehmlichkeiten des bisherigen Lebens müssen er, seine Frau und seine Tochter verzichten.

«Das ist eine spannende Herausforderung», begründet der Manager seine Entscheidung, mit der Familie in die Schweiz zu gehen. «Wer im Buch seines Lebens immer nur dasselbe Kapitel liest», so sein Credo, «kommt nicht weiter und dreht sich im Kreis.»

Hochqualifizierte kommen und gehen

Rahul Budhwar und Lisa Araujo haben sich keine Frist zur Rückkehr in die alte Heimat gesetzt. Beide sind mit ihrem Leben in der Schweiz zufrieden, auch wenn beide durchaus auch Probleme haben. Woran liegt es nun, ob jemand in der Schweiz bleibt, oder nicht?

Ein Bild von Manager Rahul Budhwar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rahul Budhwar aus Indien bekam nahe Zürich ein Jobangebot. Er soll als CEO eine Firma leiten. SRF

Eine der vielen Antworten auf diese Frage kommt von George Sheldon. Er ist Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Uni Basel. Für ihn ist der Fall klar: «Empirische Untersuchungen zeigen, dass Sesshaftigkeit mit dem Bildungsstand der Immigranten abnimmt», erklärt er. «Auf einen Nenner gebracht, heisst das: Hochqualifizierte kommen und gehen, während Niedrigqualifizierte kommen und bleiben.» So gesehen würde Rahul Budhwar die Schweiz in einigen Jahren wieder verlassen, während Lisa Araujo eher bleiben würde.

Zurückweisung als Auswanderungsgrund

Einen anderen Blickwinkel auf die Frage hat Nina Gilgen, Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich. Für sie steht die Abwanderung von Einwanderern in engem Zusammenhang mit der Schweizer Willkommenskultur.

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«Grüezi Schweiz»

Die fünfte Folge von «Grüezi Schweiz» wird am Freitag, 30. Juni 2017, um 21:00 Uhr auf SRF1 ausgestrahlt.

«Ein Hauptgrund für die Abwanderung von Migranten liegt in der eher kritischen Haltung der Gesellschaft ihnen gegenüber», erklärt sie. «Die Schweiz versteht sich immer noch nicht als Einwanderungsland und hat in verschiedenen Studien der letzten Jahre im internationalen Vergleich schlecht im Bezug auf das ‹Willkommen sein› abgeschnitten. 35 Prozent der befragten Deutschen und Expats haben verschiedene Arten von Zurückweisung oder Diskriminierung erlebt und fühlen sich nicht willkommen.»

Gemäss dieser These würden sowohl Lisa Araujo wie auch Rahul Budhwar in der Schweiz bleiben. Weder die Portugiesin, noch der Inder haben ihren Angaben nach bisher einschneidende negative Erfahrungen in Sachen Schweizer Willkommenskultur gemacht.

Rückkehr, weil die alte Heimat wieder attraktiv erscheint

Einen dritten Erklärungsansatz bietet die Marokkanerin Naima Serroukh. Vor 17 Jahren suchte und fand sie in der Schweiz Asyl. Heute hilft die Juristin mit zahlreichen Integrationsprojekten Ausländern, in der Schweiz besser Fuss zu fassen. In ihren Augen hängt die Rückkehr von Immigranten in ihre alte Heimat vor allem mit den Chancen und Projekten zusammen, die sie dort sehen.

Naima Serroukh ist Juristin und Integrationshelferin. Sie kam vor 17 Jahren in die Schweiz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Naima Serroukh ist Juristin und Integrationshelferin. Sie kam vor 17 Jahren in die Schweiz SRF

«Jene, die in ihre Heimat zurückkehren, haben dort entweder ein konkretes Projekt, das sie mehr anspricht, als ihr Leben in der Schweiz. Oder sie sind Flüchtlinge, die aufgrund der veränderten Umstände in ihrer Heimat zurückkehren können», sagt sie.

Und sie sieht eine weitere Gruppe von Einwanderern, die der Schweiz den Rücken kehren: «Jene, die für ein konkretes Projekt, zum Beispiel Ausbildung, in die Schweiz gekommen sind und anschliessend das Erlernte in ihrer Heimat umsetzen wollen.»

Wendet man diesen Ansatz bei Rahul Budhwar und Lisa Araujo an, könnten beide früher oder später zu den Rückkehrern gehören. Lisa Araujo, wenn sie genügend Geld verdient hat und Rahul Budhwar, wenn ihm in Indien eine neue Herausforderung oder ein besser bezahlter Managerjob in Aussicht gestellt wird. Wie auch immer die langfristige Entscheidung der beiden Protagonisten ausfallen wird – es wird wohl ein Mix aus vielen Gründen sein.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 30.06.2017 21:00

    DOK - Grüezi Schweiz
    Neues Leben (5/5)

    Staffel 2017, Folge 5

    Megha Goyals neues Leben in der Schweiz ist von Unsicherheit und Zweifeln überschattet. Doch als sie sich fragt, ob der Umzug die richtige Entscheidung war, bekommt sie nicht nur eine gute Nachricht, sondern kann sich auch einen Traum erfüllen: Zum ersten Mal in ihrem Leben steht sie auf Skiern.