Einwanderer erzählen Kulturschock in der Schweiz?

Knapp ein Viertel der Schweizer Bevölkerung stammt aus dem Ausland. Viele Neuankömmlinge erleben einen «Kulturschock», aber auch für die Schweizer stellen die zugewanderten Kulturen nicht selten eine Herausforderung dar.

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«Traditionen sind uns wichtig»

2:23 min, vom 16.6.2017

Ein offenes Feuer im Wohnzimmer. Der Priester murmelt eine Reihe religiöser Formulierungen auf Sanskrit. Rahul Budhwar und seine Frau Megha nehmen zusammen mit ihrer Tochter Dia an einer «Puja» teil, einer traditionellen indischen Hauseinweihung. «Das sollten wir auch in der Schweiz so machen, mit unserer neuen Wohnung», schlägt Manager Rahul Budhwar vor, halb lachend, halb ernst.

In wenigen Tagen werden er und seine Familie in der Schweiz ein neues Kapitel ihres Lebens beginnen. Natürlich weiss er, dass ein offenes Feuer in der Wohnung in der Schweiz nicht gerade «regelkonform» ist, dennoch bedeuten ihm seine Wurzeln sehr viel: «Traditionen sind wichtig», sagt er, «wir wissen, dass unsere Familien etwas Gutes erwartet, wenn wir den Traditionen folgen. In der Schweiz werden wir solche Riten sicherlich nicht in dieser Art leben können, das werden wir vermissen.»

Ein Porträt von Mohammed Al Sheikh. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mohammed Al Sheikh floh mit seiner Familie von Syrien in die Schweiz. SRF

Kulturelle Differenzen

Der syrische Flüchtling Mohammed Al Sheikh lebt bereits seit zwei Jahren in der Schweiz. Zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern hat er es übers Mittelmeer nach Europa geschafft. Inzwischen hat die Familie in der Schweiz Asyl erhalten, die Kinder sprechen bereits fliessend Italienisch.

Mohammed ist der Schweiz sehr dankbar. Aber manchmal versteht er die Kultur seines Gastlandes nicht. Zum Beispiel, wenn es um das Verbot der Vollverschleierung geht. «Jeder sollte es doch so machen dürfen, wie er will», findet er. Warum die Schweizer gegen die Vollverschleierung sind, kann er nicht nachvollziehen.

Ungutes Gefühl gegenüber Migranten

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Kaum ein Land der Welt hat so viele ausländische Bewohner, wie das Land der Eidgenossen. Einige von ihnen tun sich nicht ganz leicht mit der Integration. Ihnen möchte die Marokkanerin Naima Serroukh helfen. Vor 17 Jahren kam sie als Asylsuchende in die Schweiz. Heute begleitet die Juristin zahlreiche Integrationsprojekte.

Naima Serroukh ist Juristin und Integrationshelferin. Sie kam vor 17 Jahren in die Schweiz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Naima Serroukh ist Juristin und Integrationshelferin. Sie kam vor 17 Jahren in die Schweiz. SRF

«Leider haben viele Menschen heute ein ungutes Gefühl gegenüber Migranten, vor allem, wenn sie aus der islamischen Welt stammen», erklärt sie, «ich helfe beiden Seiten, ihr Gegenüber besser zu verstehen.»

Es mangelt an Offenheit

Die Diskussion um Kopftuch und Verschleierung, Attentate und religiös begründete Gewalt, ausgeübt von Jihadisten – der Islam sorgt fast täglich für negative Schlagzeilen in den Medien. Und diese setzen sich in den Köpfen vieler Menschen fest. So kann es schnell zu einer pauschalisierten Ablehnung von Einwanderern kommen. Das stellt auch Nina Gilgen, Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich, fest. Bei Lebens- und Glaubensentwürfen mangelt es in ihren Augen vielerorts an Offenheit.

Es passiere schnell, dass eine einzelne Person auf ein einziges Merkmal reduziert werde. «So wird zum Beispiel aus einer Frau mit bosnischem Migrationshintergrund, die in einer Bank ein Team leitet, in ihrer Freizeit Yoga macht und muslimischen Glaubens ist, die ‹Muslimin›», gibt sie als Beispiel an. «Dies kann in der Frage gipfeln, ob sie denn muslimisch und schweizerisch zugleich sein könne. Dabei zeigen Menschen tagtäglich, dass dies keinen Gegensatz darstellt.»

Ein Porträt von Rawan Al Sheik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zusammen mit ihren Eltern, zwei Schwestern und einem Bruder lebt Rawan in der Nähe von Chiasso. SRF

Voneinander lernen

Das Zusammenstossen von verschiedenen Kulturen führt aber auch häufig zu einer Erweiterung des Horizonts. Mohammed Al Sheiks Tochter Rawan zum Beispiel besucht mit ihrer Schweizer Schule zum ersten Mal in ihrem Leben ein christliches Gotteshaus. Sie bestaunt die Fresken in der Kirche, lässt die Atmosphäre auf sich wirken. Mit ihren Klassenkameraden tauscht sie sich über Religion aus.

«Ich bin Muslimin, für mich ist die christliche Religion sehr fremd», sagt sie, «aber es ist spannend, andere Dinge kennenzulernen. Ich würde jetzt nicht sofort meine Religion wechseln, aber es ist schön, diese andere Kultur näher kennenzulernen.»

Zutaten für ein gemeinsames Leben

Die andere Kultur kennenlernen. Aufeinander zugehen und voneinander lernen. In den Augen der Integrationshelferin Naima Serroukh sind dies die Zutaten, die das gemeinsame Leben möglich machen. «Das ist ein Prozess, bei dem beide Seiten voneinander lernen und das beste aus der Kultur des jeweils anderen übernehmen», führt sie aus.

«Zum Beispiel die Arbeitseinstellung der Schweizer auf der einen Seite und der grosse Wert, den die Migranten auf das gemeinsame Familienleben legen auf der anderen. Um langfristig gut miteinander auszukommen, müssen beide Seiten einen Schritt aufeinander zu machen», ist sie überzeugt.

Rahul Budhwar mit seiner Frau Megha und seiner Tochter Dia. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rahul Budhwar mit seiner Frau Megha und seiner Tochter Dia. SRF

Von Schweizern gelernt

Auch Rahul Budhwar nimmt wie Rawan Al Sheikh die Kultur des Gastlandes Schweiz mit offenen Augen und offenem Herzen auf. Nur wenige Monate nach seiner Ankunft hat er bereits Teile von ihr übernommen: «Ich bin ruhiger und höflicher im Umgang mit anderen geworden», stellt er fest. Das habe er von den Schweizern gelernt.

Und mehr noch: «Ich würde sagen, ich bin ein wenig Schweizerisch geworden.» Was genau er damit meint, möchte er die Schweizer feststellen lassen, mit denen er sich täglich austauscht. Fest steht: Sowohl Rawan, wie auch Rahul haben einen Teil der Schweizer Lebensgewohnheiten und Kultur für sich übernommen. Und sie sind glücklich damit.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 23.06.2017 21:00

    DOK - Grüezi Schweiz
    Neue Perspektiven (4/5)

    Staffel 2017, Folge 4

    Abeer Al Sheikh möchte sich stärker integrieren. Nachdem ihre beiden Töchter Rawan und Razan bereits fliessend italienisch sprechen, nimmt sie an einem Sprachkurs für Frauen teil. Darüber hinaus berichtet sie an einer Schule über Leben und Alltag im vom Krieg zerstörten Syrien.