Mona mittendrin «Die Grabsteinreihen sterben aus»

Mona Vetsch packt drei Tage auf dem grössten Friedhof der Schweiz mit an. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie einen verstorbenen Menschen.

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Bildlegende: Mona auf dem Friedhof SRF

In dieser Sendung besuchst du den grössten Friedhof der Schweiz. Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du vor dem Friedhofstor gestanden bist?

Oh mein Gott! Hier hat’s doch nur Tote, mit wem soll ich da reden?

Haben sich deine Vorstellungen bewahrheitet?

Der Friedhof ist für viele ein ganz normaler Arbeitsplatz. Aber meine Reaktion war typisch: Wir verdrängen, solange wir können, wir wollen das gar nicht wissen. Mittendrin zu sein war happig. Ich bin in den drei Tagen wirklich an meine Grenzen gestossen.

Du hast Bestatter begleitet und dabei zum ersten Mal einen toten Menschen gesehen. Wie war das für dich?

Ich hatte riesige Angst davor, mir war richtig schlecht. Als ich die Verstorbene dann sah, wurde ich ganz ruhig. Ich fühlte mich seltsamerweise erleichtert. Es war nicht schrecklich. Immer noch ein Mensch. Sie sah friedvoll aus.

«  Bestatten darf nicht zum Entsorgen werden »

Der Friedhof ist quasi der Endbahnhof unserer Gesellschaft. Wie spürt man auf dem Friedhof den gesellschaftlichen Wandel?

Die Grabsteinreihen sterben aus. Viele wollen nach dem Tod keinem zur Last fallen. Lieber verstreut werden, sich in Luft auflösen. Passt zu einer Gesellschaft mit immer weniger Verbindlichkeit. Auf der anderen Seite ist das neue Krematorium offen einsehbar. Angehörige können bis zum Schluss dabei sein. Auch das ist ein Bedürfnis.

Soll man sich auch ganz nach eigenen Wünschen beerdigen lassen können? Wo siehst du da die Grenzen?

Bestatten darf nicht zum Entsorgen werden. Das ist das Entscheidende. Persönliche Wünsche ja, aber mit Rücksicht auf die Gefühle der Angehörigen.

Hast du dir selber schon Gedanken darüber gemacht, wie du einmal beerdigt werden möchtest?

Kremiert auf jeden Fall. Der Rest ist mir gleich. Ich merke es ja nicht mehr.

«  Zu viel Fantasie ist auf dem Friedhof ungesund »

Könntest du auf dem Friedhof arbeiten?

Niemals. Mein Beruf ist es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wie, warum, weshalb? Wer in der Bestattung arbeitet, darf sich keine solchen Fragen stellen. Sonst hält man das nicht aus. Zu viel Fantasie ist ungesund.

Was sind das für Leute, die einen Beruf auf dem Friedhof gewählt haben?

Ich habe gestaunt: lauter junge Menschen! Aber alle sehr gefestigt. Benji kommt aus einer Bestatterfamilie, er hat mit 16 seinen ersten Toten eingesargt. Chantal hat ihre Eltern früh verloren, sie schickt beim Bestatten manchmal Grüsse mit. Oder Sven im Krematorium, der sicher ist, dass die Seele weiterlebt, dass er nur die Hülle der Menschen einäschert. Chantal, Benji, Sven – ich bewundere sie sehr für ihre Arbeit.

«  Ein Ort, wo sich viel Liebe zeigt »

Was hat dich am meisten berührt?

Das zufällige Gespräch mit einem Mann, am Grab seiner Frau. Er kommt jeden Tag, manchmal zweimal. Er sprach mit so viel Wärme von ihr und den gemeinsamen Jahren. Der Friedhof ist auch ein Ort, wo sich viel Liebe zeigt.

Gab es auch lustige Momente?

In der leeren Urnenwand sind zwei Fächer «belegt»: von «Ernst Fall» und «Hans Muster». Schwarzer Humor hilft auf dem Friedhof. Solange man lachen kann, ist man noch am Leben.

Mona auf dem grössten Friedhof der Schweiz

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 02.11.2017 21:05

    SRF HE!MATLAND
    «Mona mittendrin» auf dem Friedhof (5/5)

    02.11.2017 21:05

    Ein Zugbillet nach Riehen Niederholz, einmal nach dem Weg fragen, und Mona Vetsch landet auf dem grössten Friedhof der Schweiz. Zu ihrer Überraschung geht es anfänglich recht lustig zu und her. Bis sie bei den Bestattern mithilft und zum ersten Mal in ihrem Leben einen verstorbenen Menschen sieht.