2/2: «Der menschliche Makel» von Philip Roth

Philip Roths kritische Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Im Jahr 2000 erschienen nimmt Roths Roman scharfsinnig die aktuelle Auswüchse wie die «Me Too-Debatte», den Fake News-Wahnsinn oder die Identitätsideologie herrschender alter weisser Männer vorweg.

Philip Roth
Bildlegende: Philip Roth SRF / François Reumont

Im ersten Teil nahm die Geschichte um den Literarturprofessor Coleman Silk seinen verhängnisvollen Ausgang mit einer lapidaren Bemerkung des Professors. Er nannte zwei in seinem Seminar notorisch abwesende - ihm unbekannte - Studenten «dunkle Gestalten, die vielleicht das Tageslicht scheuen».

Was er nicht wusste und worauf seine Bemerkung nicht zielte, war die Hautfarbe der beiden: schwarz. Konsequenz: Silk wurde des Rassismus bezichtigt und - im Jahr 1998, also vor der Zeit sozialer Medien - mit einem Shitstorm überzogen. Zumindest in seiner Weltsicht war das die Ursache für den tödlichen Herzinfarkt seiner Frau Iris. Er selbst liess sich pensionieren. Im neu begonnenen Lebensabschnitt fing er eine heisse sexuelle Affäre mit einer halb so alten Frau der Unterschicht, Faunia Farley, einer Putzkraft seiner ehemaligen Hochschule, an. Diese Affäre schlägt nun parallel zur Lewinsky-Affäre um den damaligen Präsidenten Clinton noch einmal hohe Wellen der öffentlichen Empörung. Was wiederum dazu führt, dass der Ex-Ehemann Faunia Farleys, ein posttraumatisch gestörter Vietnam-Veteran, dem leidenschaftlichen Paar übel nachstellt.

Hilfe suchend wendet sich Silk an den Schriftsteller Nathan Zuckerman. Ihm erzählt Silk in der ursprünglichen Absicht, einen Partner beim Verfassen einer Art Lebensroman zu finden, sein fundamentales unglaubliches Geheimnis, auf dem Silks ganze Identität und Karriere beruht: Coleman Silk ist - rassistisch und unkorrekt gesprochen - ein «weisser Neger». Er stammt aus einer dunkelhäutigen Familie, seine Hautpigmentierung und die Art seiner Haare lassen dies allerdings nicht erkennen. Und so hat er als junger Erwachsener beschlossen, aus dieser Tatsache Kapital zu schlagen. Er hat eine neue Identität als Weisser angenommen, unter einem neuen Namen und um den Preis, seine Familie und Herkunft zu verleugnen. Nur so konnte er in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein erfolgreicher Top-Akademiker werden; der dann auch bewusst dunkelhäutige Kollegen in deren Laufbahn unterstützen konnte. Und nun - im mittlerweile von politischer Korrektheit durchzogenen - angeblich - liberalen Amerika der Jahrtausendwende - wird er der rassistischen Diskriminierung schwarzer Menschen bezichtigt. Es kommt zu öffentlichen Verleumdungen, und in Kombination mit der Tatsache von Colemans heisser Liebesaffäre mit Faunia wenden sich schliesslich auch noch seine - hellhäutigen - Kinder von ihm ab.

Wenn man sich das heutige tief gespaltene Amerika Donald Trumps und dessen propagandistische Meinungsmache anschaut, kann man nicht anders über Philip Roths «Der menschliche Makel» als mit der abgedroschenen Formulierung urteilen: die erzählte Geschichte ist in seiner scharfsinnigen, tiefgreifenden Gesellschaftsanalyse aktueller denn je - wenn auch vor dreissig Jahren geschrieben.

Mit: Jürgen Hentsch (Nathan), Michael Mendl (Coleman), Sophie Rois (Faunia), Peter Dirschauer (Les), Irina Wanka (Delphine), Susana Fernandes-Genebra (Lisa), Rosel Zech (Mutter), Michael Holz (Walt / Joe), Mathias Lange (Primus), Jörg Petzold (Mark), Walter Renneisen (Doc / Louis) und vielen anderen

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren - Hörspielbearbeitung: Valerie Stiegele - Musik: Gerd Bessler - Regie: Norbert Schaeffer - Produktion: SWR 2003 - Dauer Teil 1: 71', Teil 2: 62'

Redaktion: Mark Ginzler