«Bombenrolle» von Paul Barz

Es ist der bis heute bekannteste Film der Nazipropaganda: «Jud Süss». Nazihollywood mit prominenter Besetzung auf grosser Leinwand. In gut altdeutscher Zeit lässt der intrigante Jude als Finanzberater die Bevölkerung ausbluten, foltert die Aufrechten und vergewaltigt das deutsche Mädel.

Gestapelte FIlmrollen und -kamera, im Hintergrund eine Leinwand mit zwei Schauspielern.
Bildlegende: Die Schauspieler würden lieber andere Rollen spielen als «Jud Süss».. Colourbox

Berlin, 1940. Reichspropagandaminister Goebbels lässt die Filmproduktion auf Hochtouren laufen: Für die Titelrolle der grossangelegten Verfilmung des «Jud Süss» wird ein Darsteller gesucht. Es ist ein Herzensprojekt des Propagandaministers, aber es ist zum Aus-der-Haut-fahren: seltsamerweise möchte niemand den Juden im Film verkörpern. Jannings, Gründgens und Willi Forst haben schon abgesagt. Doch Goebbels gibt nicht auf. Er wird seinen Jud schon finden! Er wird ihn finden.

Zwischen Probeaufnahmen und dem Vorsprechen trifft ein Autor seinen Freund, einen Schauspieler. Natürlich würde auch der lieber woanders spielen wollen als in dem Hetzfilm, aber was soll man tun? Moralische Skrupel treffen auf den Wunsch, wieder als Künstler zu arbeiten. Und auf die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Der Autor hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Und schlimmer: Seine Frau Hanna, auch Schauspielerin, ist Jüdin und zu einem Schattendasein zu Haus verbannt.

Immer aussichtsloser und ausschliesslicher entdecken sich die Menschen als Spielball der totalitären Macht, immer enger zieht sich um sie ein lebensbedrohliches Netz politischer Willkür.

Mit: Christian Quadflieg (Schauspieler), Hans Peter Hallwachs (Autor), Wieslawa Wesolowska (Hanna), Siegfried Kernen (1. Kollege), Jürgen Thoemann (2. Kollege), Steffen Schult (Witzbold), Wiltrud Fischer (Kellnerin), Mark Welte (Aufnahmeleiter)

Regie: Klaus Dieter Pittrich - Produktion: WDR 1998 - Dauer: 53'

Paul Barz (1943 - 2013) war Schriftsteller und Journalist. Neben Biografien und Sachbüchern schrieb er über 30 Hörspiele sowie Theaterstücke; bekannt geworden ist er vor allem für seine Auseinandersetzung mit Theodor Storm (Bühnenfassung von «Der Schimmelreiter») und für sein Stück «Mögliche Begegnung» (der Herren Bach und Händel).

Dieses Hörspiel dürfen wir Ihnen für 7 Tage auf dem Internet zum Nachhören zur Verfügung stellen.

Redaktion: Susanne Heising