«Der menschliche Makel» von Philip Roth - Teil 2/2

Ein grosser Gesellschaftsroman in einer kongenialen Hörspielbearbeitung über zwei Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft: Rassenideologie und Scheinheiligkeit. Angesiedelt im «Sommer, als jeder an den Penis des Präsidenten dachte» - im Jahr der Lewinsky-Affäre.

Coleman Silk, Professor der Altphilologie, nennt ironisch zwei unbekannte Studentinnen, die sein Seminar schwänzen, «dunkle Gestalten»; zufälligerweise sind es Schwarze. Diese Petitesse aus dem Alltag der moral correctness setzt eine Geschichte in Bewegung, die an die Grundfesten des amerikanischen Selbstbewusstseins rührt. Angegriffen und schwer beschädigt quittiert der Professor den Dienst, verliert seine Frau, isoliert sich und wird im Alter von 71 Jahren durch die Begegnung - «die erlösende Verschmutzung», wie Coleman es nennt - mit der fast 40 Jahre jüngeren Putzfrau Faunia ins Leben zurückgeworfen. Viagra hat geholfen.

Ein entfernter Nachbar, der Schriftsteller Nathan Zuckerman, wird zum Erzähler autorisiert und erhält so in vielen Windungen und Wendungen Einblick in die brüchige Identität eines fast weisshäutigen Sohnes schwarzer Eltern. Dieser zahlt für die Grundentscheidung seines Lebens, seine Rassenzugehörigkeit zu ignorieren und sich neu zu erfinden, einen hohen Preis. «Er sah, welches Schicksal ihn erwartete, und er weigerte sich es anzunehmen.»

Philip Roth hat die grandiose amerikanische Mythologie von der «Beweglichkeit des Ichs» noch einmal in Szene gesetzt; den Traum, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Keine der dargestellten Identitäten, die nicht irgendwelche Kampfspuren mit ihrer Herkunft an sich tragen würde; auch keine, die uns nicht ins Wechselbad von Sympathie und Antipathie hineinzöge.
Ein Drama um Identitätszuschreibung und -verweigerung.

Mit: Jürgen Hentsch (Nathan), Michael Mendl (Coleman), Sophie Rois (Faunia), Peter Dirschauer (Les), Irina Wanka (Delphine), Susana Fernandes-Genebra (Lisa), Rosel Zech (Mutter), Michael Holz (Walt / Joe), Mathias Lange (Primus), Jörg Petzold (Mark), Walter Renneisen (Doc / Louis) und vielen anderen

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren - Hörspielbearbeitung: Valerie Stiegele - Musik: Gerd Bessler - Regie: Norbert Schaeffer - Produktion: SWR 2003 - Dauer Teil 1: 71', Teil 2: 62'

Redaktion: Mark Ginzler