«Nordfranzösische Reisebilder» Radio-Essay von Wolfgang Koeppen

Europa 2016 ist dabei, sich wieder abzuschaffen. Vor über einem halben Jahrhundert bereiste der Schriftsteller Wolfgang Koeppen verschiedene Regionen des Kontinents und erzählte in eindrücklichen Radio-Essays vom Entstehen und allmählichen Umsetzen der europäischen Idee im konkreten Alltagsleben.

Kathedrale in Metz, einer der Stationen von Wolfgang Koeppen.
Bildlegende: Die Stadt Metz mit der Kathedrale war eine der Stationen von Wolfgang Koeppen. Imago/ Westend61

Zwischen 1955 und 1962 bereiste der Schriftsteller Wolfgang Koeppen im Auftrag des damaligen Süddeutschen Rundfunks Stuttgart verschiedene Orte und Regionen Europas sowie Nordamerikas. Die Rundfunk-Redakteure Alfred Andersch und Helmut Heissenbüttel, beide selbst gewichtige Schriftsteller im Nachkriegseuropa, erfanden und entwickelten in jener Zeit das genuin radiophone Genre des Funk-Essay und sahen in ihrem Kollegen, dem hochgelobten Romancier der «Trilogie des Scheiterns», einen idealen Partner. Auf ihr Drängen schuf Koeppen eindrucksvolle Reiseberichte. Er verbrachte jeweils eine gewisse Zeit in fremden Welten, nahm Teil am Leben Anderer, beobachtete scharf und formte anschliessend am einsamen Schreibtisch seine kleinen subjektiven Erlebnisse zu grossen monologischen Erzählungen über Menschen, Orte und deren gesellschaftliche und geschichtliche Zusammenhänge.

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1960 fuhr Koeppen mit dem Auto für die «Nordfranzösischen Reisebilder» von Saarbrücken aus, das ein paar Jahre zuvor noch politisch-wirtschaftlich zu Frankreich gehörte, über Nancy, Metz bis Lille durch einen Teil des französischen Nordwesten. Er witterte an manchen Orten im französisch-deutsch durchmischten Alltagsleben der Wiederaufbauzeit Versuche der Umsetzung einer europäischen Utopie, wie auch einige skurrile Stilblüten und Ableger derselben. Im Kontrast der heutigen Zeit, in der man überall an den Rändern damit beschäftigt ist, Europa wieder abzuschaffen, hört sich - ein gutes halbes Jahrhundert später - Koeppens Essay besonders spannend an.

Mit: Hans Lietzau (Erzählstimme)

Regie: Irmfried Wilimzig - Produktion: SWR 1960 - Dauer: 56'

Wolfgang Koeppen, geboren 1906 in Greifswald, gestorben 1996 in München, ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Prosa-Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis 1962. Mit seinen radiophonen Reiseberichten schuf und begründete er ein wichtiges Kapitel Rundfunkgeschichte.

Redaktion: Mark Ginzler