Handy-Antennen sollen bald massiv mehr strahlen

In der Sommersession muss das Parlament darüber entscheiden, ob der Strahlen-Grenzwert für Handy-Antennen in der Schweiz bald markant erhöht wird. Die Branche argumentiert mit Kapazitätsproblemen. Ärzte hingegen warnen vor unabsehbaren Gesundheitsfolgen.

Eine Erhöhung der Strahlen-Grenzwerte von Handyantennen bezeichnet die Branche als unabdingbar, um die Zukunft des Mobilfunks sicherzustellen. Schon heute seien in der Schweiz fast die Hälfte der Antennen am Limit, sagt Christian Grasser vom Schweizerischen Verband der Telekomanbieter: «Wenn der Grenzwert nicht erhöht wird, haben wir langsamere Datenverbindungen, mehr Gesprächsabbrüche und die Verbindungsqualität wird generell leiden.»

Die Telekombranche hat deshalb mit Hilfe der FDP eine Motion zur Erhöhung der Grenzwerte lanciert, über die die Räte im Sommer abstimmen. Der Bundesrat hat der Motion bereits zugestimmt.

Ärzte für Umweltschutz schlagen Alarm

Gegen dieses Vorhaben stemmt sich die Vereinigung Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz AefU. Eine Erhöhung der Antennen-Strahlung um das maximal Dreifache sei nicht tragbar, denn es gäbe immer mehr Hinweise, dass Mobilfunkstrahlung potenziell krebserregend sei.

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Auch SP-Nationalrat Thomas Hardegger ist als einer der wenigen Parlamentarier gegen die Vorlage: «Für mich ist es die falsche Strategie, einfach der Forderung der Branche nachzugeben und die Strahlenbelastung zu erhöhen», so Hardegger. Es sei wichtig, dass man den Druck auf die Branche aufrechterhalte, neue und innovative Wege zu finden, um mit der steigenden Datenmenge im Handynetz umzugehen.

«Die Schweiz hat die strengsten Grenzwerte»

Die Telekombranche hingegen kann die Aufregung um die geplante Erhöhung nicht verstehen. «Die Schweiz hat strengere Grenzwerte als die meisten anderen europäischen Länder. Dies führt dazu, dass die Antennen in der Schweiz weniger schnell modernisiert werden können», argumentiert Verbandspräsident Christian Grasser.

Dieser Darstellung widerspricht der Verein Gigaherz, der sich mit geschätzten 40‘000 Mitgliedern für strahlensensible Menschen einsetzt. Die Grenzwerte seien in Europa nur deshalb höher, weil näher an der Antenne gemessen werde. Gigaherz-Präsident Hans-Ulrich Jakob befürchtet deshalb, dass in der Schweiz demnächst die höchsten Grenzwerte in Europa oder gar in der Welt gelten.

Handystrahlung ist am gefährlichsten

Die Befürworter der Vorlage geben zu bedenken, dass nicht die Antennen, sondern das eigene Handy die grösste Strahlenquelle darstelle. Gergor Dürrenberger von der ETH-Forschungsstiftung «Strom und Mobilkommunikation», welche von der Telekombranche finanziert wird, sagt: «Etwa 80 Prozent der Strahlung stammt vom eigenen Mobiltelefon und nur etwa zwei Prozent von den Antennen.»

Langzeitstudien zur Gesundheit fehlen

«Das mag stimmen», entgegnet Mobilfunkkritiker Hans-Ulrich Jakob. Doch beim eigenen Handy könne jeder selber bestimmen, wie lange er es am Ohr habe. «Die Antenne auf dem Nachbardach hingegen strahlt 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr!» Solange man die Auswirkungen auf die Gesundheit nicht abschätzen könne, müsse man deshalb die geplante Erhöhung entschieden ablehnen, so die Gegner.

Tatsächlich fehlen zu möglichen Langzeitfolgen entsprechende Studien, da die Technologie noch keine 20 bis 25 Jahre in Betrieb ist.