Überteuerte MiGel-Liste Staatlich bewilligt: Stützstrümpfe für 1000 Franken

Stützstrümpfe und Kompressions-Bandagen sind auf Ende letztes Jahr massiv teurer geworden. Nun zeigt sich: Die Preise sind in den Tarifverhandlungen zwischen dem Verband der Orthopädietechniker und den Sozialversicherern ausser Rand und Band geraten. Es musste korrigiert werden.

Patienten und Krankenkassen ärgern sich schon lange über unverständlich hohe Preise für Krücken, Kanülen oder Bandagen. Das Bundesamt für Gesundheit ist daran, die sogenannte MiGeL (Mittel-und-Gegenstände-Liste) zu überprüfen. Es gibt sich damit Zeit bis 2019. Das Konsumentenmagazin «Espresso» und der «Kassensturz» berichteten mehrfach über die «staatlich bewilligte Abzocke» (siehe Linkbox).

Trotzdem werden noch immer Preise für medizinische Hilfsmittel nach oben getrieben. Das beste Beispiel bietet der Tarifvertrag zwischen dem Schweizerischen Verband der Orthopädietechniker (SVOT) und den eidgenössischen Sozialversicherern (UV/MV/IV), vertreten durch die Suva. Der neue Tarifvertrag trat am 1.November 2016 in Kraft.

«Das ist unverschämt»

«Espresso» wurde von zahlreichen Hörerinnen und Hörern auf überrissene Preise für massgefertigte Stützstrümpfe und Bandagen aufmerksam gemacht:

  • Die 96-jährige Mutter von Erwin H. aus Brig VS erhielt ein Paar massangefertigte Stützstrümpfe. Das Orthopädiegeschäft verrechnete dafür nebst dem Grundpreis von 471 Franken diverse Zusatzleistungen wie zum Beispiel das Aufnehmen der Körpermasse mit einem Massband, eine anatomische Ferse oder die Wegpauschale. Kosten total: 969.60 Franken. Erwin Heinzmann findet diesen Preis unverschämt: «Meine Mutter hat normale Beine. 80 bis 100 Franken wären ja noch ok, aber nie käme doch jemand auf die Idee, dass solche Strümpfe fast tausend Franken kosten.»
  • Auch Doris I. aus Laufen BL braucht Kompressions-Strümpfe. Im grenznahen Weil am Rhein in Deutschland gebe es solche Strümpfe für einen Bruchteil der 760 Franken, die ihr Orthopädie-Fachgeschäft der Krankenkasse verrechne.
  • Christine S. aus Gerlikon TG braucht wegen eines Lymphödems seit Jahren eine Ober- und Unterarm-Bandage. Ein Blick auf die Rechnungen zeigt: Die Preise steigen seit Jahren: 2015 von 774 auf 842 Franken - Ende 2016 mit dem neuen Tarifvertrag auf 1016.45 Franken.
    Frau S. schrieb an den Bundesrat und den Preisüberwacher: «Das ist ein extremer Aufschlag.»

Eine Berg-und-Tal-Fahrt

Die unglaublichen Preise für Stützstrümpfe und Bandagen sind offenbar auch denen aufgefallen, die sie beschlossen haben. Die Orthopädietechniker und Sozialversicherer teilten auf Anfrage des Konsumentenmagazins «Espresso» mit, dass man ein Kostenmonitoring vereinbart habe, um «Unwuchten» frühzeitig zu erkennen. Bei den Kompressionsversorgungen habe man deshalb die Preise per 1. Juli 2017 korrigiert. So kostet die Oberarm-Bandage, welche von 150 auf 250 Franken aufschlug, nun wieder 154.20 Franken. Dazu kommen weitere Kosten für das Massnehmen, die Anprobe und Fertigung.

Dass die Preise rund ein halbes Jahr lang davongaloppiert waren, begründen die Tarifpartner mit einer neuen Berechnungsgrundlage: «Verschiedene Arbeiten, wie das Anpassen des Artikels, flossen in die Berechnung ein. Nun hat sich gezeigt, dass gewisse Arbeiten und Arbeitszeiten für die Kompressionsartikel nach dieser Ableitung zu stark ins Gewicht fallen. Dies verursachte die erwähnten Preissteigerungen.»

Santésuisse fordert Lockerung des Auslandverbots

Die von den Orthopädietechnikern und Sozialversicherern ausgehandelten Tarife haben durchaus eine grosse Wirkung, denn sie werden vom Bundesamt für Gesundheit 1:1 in die Mittel-und-Gegenstände-Tarifliste übernommen, an welche sich die Krankenversicherer halten müssen. Diese Liste wird bis 2019 überprüft, nachdem auch hier verschiedene Preise unerklärlich massiv angestiegen sind. So kostet ein Paar Krücken in der Apotheke 24 Franken. Für das gleiche Paar Krücken wurden 81 Franken verrechnet, wenn es durch die Krankenkasse vergütet werden musste. Erst im Juli 2017 wurde dieser Höchtspreis in der Tarifliste gestrichen.

Santésuisse-Direktorin Verena Nold fordert deshalb eine Lockerung des Territorialprinzips (Verbot eines Bezugs im Ausland): «Wir sind froh, wenn Patienten reklamieren. Viele Preise in diesem Bereich sind zu hoch. Unsere Preisvergleiche mit dem Ausland zeigen dies immer wieder.»

Der Bundesrat hat dem Parlament im Rahmen der MiGeL-Revision bereits versprochen, dass gewisse kassenpflichtige Produkte künftig im Ausland bezogen werden dürften. Das Versprechen dürfte im National- und Ständerat jedoch einen schweren Stand haben.

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