Nottelefone teils untauglich und überteuert

«Kassensturz» hat Notruf-Systeme zusammen mit Senioren und Experten verglichen. Alarmierend: Im Geschäft mit der Sicherheit vernachlässigt manch ein Anbieter simple Funktionen, die je nach Notlage Leben retten können.

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Senioren-Nottelefone sind teils untauglich

9:01 min, aus Kassensturz vom 6.3.2012

Rund 60'000-mal verletzen sich Senioren in der Schweiz pro Jahr bei einem Sturz. Die Angst, im Alter unbemerkt zu stürzen, ist gerade bei Alleinstehenden verbreitet. Das wissen auch die Anbieter von Notruf-Anlagen: Das Angebot ist breit.

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Bildlegende: Das Angebot an Notruf-Anlagen ist breit SRF

Schätzungen gehen von bis zu 50'000 solcher Geräte aus, die hierzulande im Einsatz stehen. Ihr Prinzip klingt für Betagte wie ihre Angehörigen beruhigend: Per Knopfdruck löst das Gerät automatisch Alarm aus.

Doch wie einfach sind die Systeme zu bedienen? Wie lässt sich damit Alarm schlagen  – und zu welchem Preis? «Kassensturz» hat verschiedene Notruf-Anlagen zusammen mit Senioren sowie Experten unter die Lupe genommen. Beunruhigend: Nicht alle Notruf-Systeme überzeugen.  

Sender mit Notruf-Knopf

Viele Notruf-Systeme funktionieren mit einem Funksender. Dieser wird einer Uhr ähnlich um das Handgelenk getragen und ist mit einer Basisstation verbunden. Das kann ein Festnetztelefon, ein Hausnotrufgerät oder ein Handy sein.

Drückt die verunfallte Person einige Sekunden den Knopf auf dem Sender, wählt das Gerät automatisch vorprogrammierte Nummern in Folge. Das können Verwandte, Nachbarn und je nach Abonnement auch eine Nothilfezentrale sein.

Bei den Empfängern erklingt nun eine vorgesprochene Notruf-Nachricht. Je nach Angebot hat die hilfesuchende Person auch die Möglichkeit, direkt zu telefonieren.

Knackpunkt Notrufknopf

Bei der Sofort-Hilfe ist die Frage überlebenswichtig, wie einfach sich der Notrufknopf bedienen lässt. Bei den entsprechenden Handys findet sich für diese SOS-Funktion ein vertiefter, gut fühlbaren Knopf auf der Rückseite. 

«Je mehr jemand im hohen Alter aktiv tun muss, um einen Notruf auszulösen, desto weniger eignet sich ein Gerät. Etwa, wenn der Senior drei Knöpfe drücken muss oder einen Schieber betätigen», sagt Hubert Österle.

Der Professor betreibt an der Universität St. Gallen das Kompetenzzentrum «independent living». Ein Schwerpunkt seiner Froschung liegt dabei, die Lebensqualität und die Unabhängigkeit in den eigenen vier Wänden bei Senioren zu vereinen.

Einen solchen Schieber besitzt das Help-Phone von euro-helpline. Er lässt sich nur mit einer gewissen Anstrengung betätigen. «Es hat den Vorteil, dass der Alarm nicht versehentlich ausgelöst wird», argumentiert Jürg Marti, Geschäftsleiter von euro-helpline.

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Bildlegende: Ein Knackpunkt ist der Notrufknopf SRF

Lebensrettend: Bestätigung des Empfängers

Die Geräte wie diejenigen des Schweizerischen Roten Kreuzes oder das Help-Phone EC 7000 verbinden den Senior per Knopfdruck direkt mit einer Notrufzentrale. Diese ist 24 Stunden besetzt, kennt die Daten der hilfesuchenden Person und organisiert entsprechende Hilfe.

Bei Systemen, die per Knopfdruck bloss vorgespeicherte Privatnummern anwählen, ist die Sicherheit weniger hoch: Senioren müssen damit rechnen, dass zum entscheidenden Zeitpunkt die Leitung besetzt ist, niemand abnimmt oder bloss ein Telefonbeantworter spricht.

Umso wichtiger ist es, dass das Gerät erkennt, ob Mensch oder Maschine am Draht ist. Registriert nämlich das Gerät den Telefonbeantworter als hilfeleistenden Empfänger, wird die Notrufkette unterbrochen.

Für das System gilt der Notfall als erledigt, nicht aber für diejenige Person, die verletzt am Boden liegt. Diesen Minuspunkt weist etwa das Handy Handle Plus 334 IUP von Doro auf: Das Gerät erkennt den Telefonbeantworter nicht.

Gefahrenzone Bad

Bei näherer Untersuchung entpuppen sich auch einige Armbandsender als mangelhaft. So sind etwa die Sender der Festnetztelefone Doro Care Secure Plus oder Switel Powertel TF 52 nicht wasserfest. 

«Wir sind der Ansicht, dass in den meisten Fällen der Spritzwasserschutz des Handsenders ausreicht», schreibt die Firma Doro, von «Kassensturz» auf diese Schwachstelle angesprochen.

Dabei stellt gerade das Bad eine grosse Gefahrenzone bei alleinstehenden Betagten dar. Das Risiko im Nassbereich zu stürzen, ist hoch. Ein Sender, der im Bad oder unter der Dusche ausgezogen werden muss, nützt im Notfall nichts.

Ebenso taugt die Uhr der Marke Limmex nicht für unter dem Wasser. Jedenfalls hat sie der Hersteller noch nicht für die Nasszelle freigegeben. Die Uhr besitzt ein integriertes Mikrofon sowie einen Lautsprecher. Im Notfall funktioniert sie wie ein Handy.

Die Uhr habe zwar die Wassertests bestanden, schreibt Limmex. «Da wir aber noch keine Langzeiterfahrungen haben, raten wir zur Zeit noch davon ab, sie beim Duschen und Baden zu tragen.»

Swisscom: Überteuert 

Ein Geschäft mit dem Notfall betreibt die Swisscom. Alarmierend ist hier vor allem der Preis: 699 Franken verlangt die Swisscom für ihr Hausnotruf-Gerät. Zwar verspricht die Firma, das Gerät sei auch bei Stromausfall nutzbar. Doch im Vergleich zu anderen stationären Produkten schneidet der TeleAlarm S12 schlecht ab.

Das System ist bloss ein Notrufgerät und kein Festnetztelefon wie etwa die günstigeren Varianten von Switel oder Doro. «Die Geräte werden in der Schweiz hergestellt und bei Bedarf repariert. Dies ist teurer als eine Produktion im Ausland», begründet die Swisscom die Kosten.

Angst vor Stigmatisierung

Nicht nur die Kosten können ein Hindernis sein, sich ein solches Gerät anzuschaffen. Auch die Angst vor der Stigmatisierung. Design und Form lassen bei den meisten Notrufgeräten zu wünschen übrig, wie etwa bei den Produkten von Swisscom oder dem Schweizerischen Roten Kreuz. Äusserlich punkten beim «Kassensturz»- Vergleich vor allem das Handy von Emporia sowie die Limmex-Uhr.

Wichtig: Freisprechfunktion

Wer verletzt am Boden liegt, kann sich womöglich nicht mehr gross bewegen. Überlebenswichtig kann deshalb auch die die Lautsprecherfunktion sein. Diese schaltet bei manchen Geräten nach Betätigung des Notfallknopfes automatisch ein. Nicht so beim Handy S10 von Beafon, wie der Vergleich von «Kassensturz» zeigt.

Fachpersonen weisen darauf hin, dass vor dem Kauf eines Notruf-Systems die Bedürfnisse genau abgeklärt werden sollen. Hält sich jemand hauptsächlich in seinen eigenen vier Wänden auf, eignet sich ein stationäres Gerät besser. Wer viel unterwegs ist und technisch interessiert, kauft sich eher ein mobiles Gerät. Vorsicht geboten ist bei Notruf-Systemen mit Sturzsenorik. 

Hier setzen die Experten ein grosses Fragezeichen. Ein Notruf-Gerät sei dann perfekt, wenn es erkenne, dass es dem Träger nicht gut gehe, erklärt Hubert Österle. Der Wissenschaftler begrüsst solche Systeme, doch er weiss: «Die Forschung der Sensorik ist nicht so weit. Die Fehlerquote ist noch zu hoch. Das perfekte Notrufgerät gibt es deshalb noch nicht.»