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Konsum Liefer-Ärger mit Reifen-Direkt

Familie Würsch ist platt. Vor über einem Jahr bestellte sie bei Europas grösstem Internet-Reifenhändler Reifen-Direkt vier Winterpneus. Die Lieferung kam nie an. Dafür wurde die Familie gemahnt, mit Mails überflutet und mit einer Betreibungsandrohung bedrängt.

Legende: Video Bestellte Pneus kommen nie an: Firma betreibt Kunden dennoch abspielen. Laufzeit 05:56 Minuten.
Aus Kassensturz vom 19.05.2015.

Für Daniel Würsch ist es eine Selbstverständlichkeit, den Reifenwechsel bei seinem Volvo selber zu machen. Anfang 2014 war ein solcher nötig. Für den 50-jährigen Lastwagenchauffeur eine schnelle und unkomplizierte Sache. Eigentlich. «Ich habe eine Wut. Da wollen gewisse Leute Geld eintreiben für eine Sache, die sie nie geliefert haben.» Seit über einem Jahr streiten er und seine Frau mit Reifen-Direkt.

Rückblende: Während der freien Tage nach Neujahr 2014 nimmt sich das Ehepaar Würsch Zeit, im Internet nach günstigen Winterreifen zu suchen. Am 3. Januar geben sie auf reifendirekt.ch die Bestellung für vier Pneus auf. Kostenpunkt inklusive Heimlieferung: 450 Franken.

Eine Mahnung aus heiterem Himmel

Béatrice Würsch erinnert sich, dass ihr die Seite mit der «.ch»-Endung einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht hat. Und: «Auf reifendirekt.ch haben wir Pneus zu einem fairen Preis gefunden, und deshalb haben wir sie dort bestellt.»

Würschs werden aber arg enttäuscht. Anstelle von Reifen, schickt Reifen-Direkt aus dem Nichts eine Mahnung. Eine über einjährige Mail-Schlacht beginnt. Béatrice Würsch schreibt dutzende von Briefen, teilt dem Reifenhändler mit Sitz in Deutschland immer wieder mit, dass sie keine Reifen erhalten haben. Sie und ihr Mann würden die Rechnung deshalb auch nicht bezahlen.

Lieferung an einen Unbekannten

Die Antwort von Reifen-Direkt erstaunt Béatrice Würsch. Der Reifenlieferant beharrt auf der Bezahlung. Er legt einen Zustellbeleg der Speditionsfirma DPD vor. Darauf ist zu lesen, dass die Reifen abgeliefert worden seien – allerdings an einen Nachbarn.

Béatrice Würsch ärgert sich und wird misstrauisch: «Es kann doch nicht sein, dass man unsere Reifen irgendjemandem vom Haus abgibt, den wir gar nicht kennen.»Sie kann sich nicht vorstellen, dass ein ihr bis anhin unbekannter Nachbar ihre Autopneus entgegengenommen haben soll. Es ist ihr zwar unangenehm, einen Unbekannten unter Quasi-Verdacht der Pneu-Annahme zu befragen. Béatrice Würsch überwindet sich aber.

Gefälschte Unterschrift

Der Nachbar bestätigt im «Kassensturz»-Interview, dass er nie Reifen für fremde Personen angenommen hat. «Wie kann ich auch – ich habe an besagtem Liefertag nachweislich gearbeitet.» Der Nachbar legt eine Bestätigung seines damaligen Arbeitgebers und den entsprechenden Zeitrapport vor. Zusätzlich brisant: Die Unterschrift auf dem DPD-Zustellbeleg stammt nicht vom Nachbarn.

Betreibungsandrohung des Inkassobüros

Für Béatrice Würsch ist klar: Spätestens jetzt muss Reifen-Direkt auf seine Forderung von 450 Franken verzichten. Doch weit gefehlt: Vor einem Monat – über ein Jahr nach Bestellung – liegt ein Brief eines Inkassobüros im Briefkasten der Familie Würsch.

Das Mutterhaus von Reifen-Direkt, die Delticom AG aus Hannover, droht Würschs mit Betreibung. «Das ist ja wohl das Hinterletzte», ärgert sich Béatrice Würsch.

Beweislast liegt beim Verkäufer

Hubert Stöckli ist Rechtsprofessor an der Universität Fribourg, spezialisiert auf Vertragsrecht. Für ihn ist klar: Die Familie Würsch muss die nicht gelieferten Reifen auch nicht bezahlen. «Die Familie hat mit dem Verkäufer einen Vertrag abgeschlossen, und in diesem Vertrag hat es der Verkäufer übernommen, diese Reifen der Familie nach Hause zu liefern.» Solange er diese Pflicht nicht erfüllt hat, habe er auch keinen Anspruch auf den Verkaufspreis, erklärt der Rechtsprofessor.

Die Behauptung, dass die Reifen einem Nachbarn abgeliefert wurden, würde rechtlich nicht tragen. Auch eine Quittung dieser Lieferung an den Nachbarn sei unbrauchbar. «Solange der Verkäufer nicht dem Käufer liefert, hat er seine Vertragspflicht nicht erfüllt», so Hubert Stöckli.

Entschuldigung von Reifen-Direkt

«Kassensturz» reist nach Hannover an den Hauptsitz von Reifen-Direkt. Mit über acht Millionen Kunden ist er nach eigenen Angaben der grösste Internet-Reifenhändler Europas. Geschäftsleitungsmitglied Thierry Delesalle räumt Fehler ein.

«Wir mussten prüfen, ob es sich um einen Betrug von Seiten der Käufer gehandelt hat. Das war aber kein Betrug. Und an dieser Stelle möchte ich mich im Namen des ganzen Reifen-Direkt-Teams entschuldigen.» Thierry Delesall verspricht im «Kassensturz»-Interview weiter, dass die Kommunikation und die Kontrolle gemeinsam mit der deutschen Prüfstelle TÜV verbessert würden.

Dank «Kassensturz» kommt die über einjährige Ärger-Geschichte der Familie Würsch doch noch zu einem Happy End. Reifen-Direkt hat das Inkassobüro zurückgepfiffen und die Mahnung storniert. Für Daniel Würsch ist dennoch klar: Künftig fährt er wieder auf Reifen eines lokalen Anbieters ab.

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