Teil 1: «Honey, I miss you so much»

Betrüger suchen auf Single-Plattformen und Facebook ahnungslose Leute, die sie ausnehmen können. Sie heucheln die grosse Liebe vor, erzählen dramatische Geschichten und bitten dann um Geld. Bei der Autorin dieses Artikels geriet ein Loverboy aber an die falsche!

Computermaus in Herzform Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Liebesgeschichten» im Netz Colourbox

Ja, ich gestehe es: Ich fühlte mich durchaus geschmeichelt von der Facebook-Nachricht eines mir völlig unbekannten Mannes. «Oh Gott, was für ein hübsches Foto», säuselte es mir in englischer Sprache entgegen, «du siehst so schön, so anbetungswürdig aus. Dein Lächeln hat meinen Tag versüsst».

Wer um Himmels Willen schreibt so etwas? Mein Ego fand es auf jeden Fall gut, wollte irgendwie mehr. Daher nahm ich das Facebook-Profil des Schreibenden unter die Lupe: Er heisst Taylor Martinez. Die Fotos zeigen einen sympathischen, seriös wirkenden Mann. Irgendwie macht er einen einsamen Eindruck, immer ist er alleine auf den Fotos. Ausser einmal – scheint seine Tochter zu sein.

Ein achtbarer Engländer

Laut Facebook ist Taylor in Madrid geboren und lebt in Manchester. Er hat ein eigenes Ingenieurbüro und ist offenbar gläubiger Christ. Seine Selbstbeschreibung: «Lovely and caring.» Wow, was will frau mehr! Seine Lieblingsmusik: «Ronan Keating und Celine Dion.» Romantisch ist er auch noch!

Dennoch war ich misstrauisch. Gerade kürzlich habe ich gelesen, dass sogenannte Romance-Scammer (Romantik-Betrüger) auf Internet-Singlebörsen und Facebook ihr Unwesen treiben.

Traumprinz oder Schwindler?

Sollte ich tatsächlich ins Visier eines kriminellen Romantik-Betrügers geraten sein? Durchaus möglich. Aber was, wenn sich hinter diesem Profil vielleicht doch der Traummann verbirgt? Mein Verstand wollte meinen Finger bereits auf die Delete-Taste lenken, um die Nachricht zu löschen, doch meine Neugier nahm Überhand. Ich schrieb zurück, bedankte mich für die netten Worte und fragte, wer er sei.

Der Beginn einer aufregenden Cyber-Romanze

Die Antwort aus Manchester liess nicht lange auf sich warten. Er sei so glücklich, dass ich ihm antworte, würde mich gerne näher kennenlernen, müsse immer an mich denken. Er gab mir seine E-Mail-Adresse an. Also stellte ich meine zweite Frage per Mail: Ich bat ihn, mehr über sich zu erzählen.

Auch diese Antwort kam unverzüglich. Sie war englisch, herzzerreissend … und voller Schreibfehler. Taylor Martinez leierte sein Facebook-Profil herunter. Und schrieb dazu: «Ich habe eine elfjährige Tochter. Meine Frau ist vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben. Ich hatte eine sehr schlimme Zeit. Aber nun möchte ich wieder glücklich sein. Ich suche eine liebevolle Frau, die sich um mich sorgt.» Eine rührende Geschichte! Und noch rührender: Von diesem Tag an bekam ich jeden Morgen eine E-Mail von Taylor. Mit den romantischsten Gedichten, die ich je gelesen habe, untermalt mit gefühlvoller Musik und schönen Bildern.

Gefühlvoller geht’s fast nicht

Am Sonntag darauf erwischte er mich dann im Facebook-Chat:
 Er: «Hi. Wie geht es dir?»
 Ich: «Hi. Mir geht es gut. Und dir?»
 Er: «Ich denke, heute wird ein wundervoller Tag für mich.»
 Ich: «Warum das?»
 Er: «Ich habe darauf gewartet, mit dir zu chatten. Honey, ich vermisse dich so sehr.»
 Ich: «Danke, das ist nett. Hey, heute habe ich dein nettes Goodmorning-Mail vermisst!
 Er: Oh ja, bitte entschuldige. Ich ging in die Kirche heute Morgen.»
 Und weiter: «Du hast mir schlaflose Nächte bereitet. Es ist verrückt, dass du solche Gefühle in mir auslöst. Seit meine Frau starb, kannte ich das nicht mehr. Du bist so besonders.»

Das war der Beginn einer 20-tägigen, intensiven Schmierenkomödie. Ein billiger Liebesroman voller Lügen und Leidenschaft. Zum Weinen, zum Nachdenken, aber vor allem zum Lachen. Eines kann ich jetzt schon verraten: Der verlogene Lover sollte für seine Lügengeschichten bezahlen.