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Umwelt und Verkehr Warum Pendler dem ÖV-Gedränge nicht einfach ausweichen

Wer später mit der Arbeit beginnt, kann dem Gedränge im Zug ausweichen. Viele Arbeitnehmer hätten die Möglichkeit dazu, nutzen sie aber kaum. «Der Leidensdruck ist zu wenig gross, der persönliche Vorteil zu klein», sagt der Experte.

Legende: Audio Warum Pendler dem öV-Gedränge nicht einfach ausweichen abspielen. Laufzeit 05:35 Minuten.
05:35 min, aus Espresso vom 01.05.2015.

Das Gedränge in den Zügen während der Rushhour wird immer grösser. Die SBB und Fachleute wollen die Pendlerströme besser über den ganzen Morgen verteilen. So sollen Berufsleute später mit Arbeiten beginnen.

Für ihn als Frühaufsteher kommt ein später Arbeitsstart nicht in Frage, sagt ein «Espresso»-Hörer: «Ich bin zwischen 5 und 12 Uhr am leistungsfähigsten. Darum beginne ich schon um 5.30 Uhr mit der Arbeit und gehe dafür früher heim.» Am Morgen später mit der Arbeit zu beginnen, wäre für eine andere «Espresso»-Hörerin durchaus eine Option: «Etwas später anfangen ist für mich kein Problem, das mache ich auch. Doch 9.30 Uhr ist definitiv zu spät.»

Die flexiblen Arbeitszeiten ihres Arbeitgebers lassen es zu, dass eine «Espresso»-Hörerin sogar erst um 9.30 Uhr im Büro ist: «Ich bin ein Morgenmuffel. Seit ich erst nach 9 Uhr arbeiten gehen kann, habe ich eine viel höhere Lebensqualität.» Die flexiblen Arbeitszeiten machen dies möglich. «Wichtig ist, dass man sich im Team abspricht und der Chef mit der Lösung einverstanden ist», sagt die Hörerin.

Wer spät beginnt, hat spät Feierabend

Viele Schweizerinnen und Schweizer hätten die Möglichkeit, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, doch nur die wenigsten nutzen diese Möglichkeit. Für den Organisationspsychologen Johann Weichbrodt von der Fachhochschule Nordwestschweiz hat dies drei Gründe:

  1. Der Persönliche Nutzen eines späteren Arbeitsbeginns ist zu klein. «Wenn man seine produktive Arbeitszeit zwischen 8 und 17 Uhr hat, dann macht es wenig Sinn, später mit der Arbeit anzufangen. Wer jedoch ein Frühaufsteher ist oder ein Morgenmuffel, für den kann es sich lohnen, nach eigenem Rhythmus zu arbeiten. Viele finden die überfüllten Züge zwar mühsam, doch der Leidensdruck ist nicht genug hoch, um früher oder später zur Arbeit zu pendeln.»
  2. Strukturelle Einschränkungen verhindern flexibles Arbeiten. «Viele Beschäftigte müssen auf Unterrichtszeiten von Krippen, Kindergärten oder Schulen Rücksicht nehmen. Wer später beginnt, kommt auch später wieder heim. Das kann Probleme geben, wenn man zum Beispiel in einem Verein ist.»
  3. Die Unternehmenskultur ist nicht darauf ausgelegt. «Viele Mitarbeiter befürchten dumme Sprüche oder haben Angst, als faul angesehen zu werden, wenn sie erst nach 9 Uhr ins Büro kommen. In vielen Firmen ist noch fest in den Köpfen verankert, dass man von 8 bis 17 Uhr arbeitet. Da braucht es viel Selbstvertrauen, gegen den Strom zu schwimmen.»

«Espresso» hat bei verschiedenen Firmen in der Schweiz nachgefragt, wie sie mit flexibler Arbeitszeit umgehen. Alle angefragten Firmen kennen flexible Arbeitszeiten, das heisst die Mitarbeitenden können ihre Arbeitszeit mehr oder weniger variabel gestalten, sofern das vom Betrieb her möglich ist.

Kaum jemand beginnt erst um 9.30 Uhr

Siemens Schweiz schreibt: «Es gibt Mitarbeitende, die bereits um 6 Uhr im Büro sind und andere, die erst am Vormittag mit der Arbeit beginnen.» Bei Sunrise können Mitarbeitenden ebenfalls flexibel arbeiten, sofern Teamkollegen und Chef einverstanden sind. «Das wird durchaus auch genutzt», schreibt die Sunrise-Medienstelle. Bei der Zürcher Kantonalbank gilt ebenfalls Jahresarbeitszeit. «In Bereichen mit Kundenkontakt kommen flexible Arbeitszeiten gerade in den Morgenstunden oft nicht in Frage», schreibt die Pressestelle der Zürcher Kantonalbank jedoch.

In den Verwaltungen der Kantonen Bern, Basel und Zürich gibt es flexible Arbeitszeitmodelle wie Jahresarbeitszeit. Die sogenannten Blockzeiten, wo man zu einer bestimmten Zeit am Arbeitsplatz sein muss, wurden im Kanton Zürich und Bern abgeschafft. «Die Mitarbeiter können ihre Arbeit zwischen 6 und 20 Uhr erledigen», sagt Roger Keller, Mediensprecher der Zürcher Finanzdirektion. Es gebe auch Pendler, die erst um 10 Uhr mit der Arbeit beginnen würden.

Teams müssen sich absprechen

In der Verwaltung des Kantons Bernsei ein Arbeitsbeginn um 9.30 Uhr möglich, doch eher selten, wie Beat Zimmermann vom Berner Personalamt sagt: «Der grösste Teil der Mitarbeitenden arbeitet zu den klassischen Zeiten. Jedes Team muss sicherstellen, dass die Ansprechzeiten gewährleistet sind.»

Auch beim Bund gilt Jahresarbeitszeit, und die Arbeitszeiten würden unterschiedlich eingeteilt. Es sei grundsätzlich möglich, erst um 9.30 Uhr mit der Arbeit zu beginnen. «Solche flexible Arbeitsformen sind zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern zu vereinbaren», heisst es beim eidgenössischen Personalamt. Bei der Grossbank Credit Suisse wird die Arbeitszeit überall dort flexibel gestaltet, wo dies betrieblich möglich ist.

Besonders stark für die flexible Arbeitszeit setzt sich die Versicherung Axa Winterthur ein. «Das Bedürfnis nach flexibler Arbeitseinteilung ist bei unseren Mitarbeitenden in den letzten Jahren gestiegen. Dank flexiblen Arbeitszeitmodellen können wir die Mitarbeitenden im Unternehmen behalten, auch wenn sich private Veränderungen ergeben», sagt Anna Ehrensperger, Mediensprecherin der Axa Winterhtur. So könne die Arbeitszeit nach persönlichen Bedürfnissen und Wünschen ausgerichtet werden. Dabei hätten die betrieblichen Bedürfnisse und der optimale Service der Kunden gegenüber aber Priorität. «Dass jemand erst um 9.30 Uhr beginnt, ist möglich, aber wohl eher die Ausnahme.»

25 Kommentare

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  • Kommentar von Matteo Brändli (matteb)
    Klar sagen alle Firmen sie haben flexible Arbeitszeiten. Bei einem grossen Beratungsunternehmen bei dem ich tätig war hiess es "du hast flexible Arbeitszeiten" doch von 8:30-12:00 & 13:30-17:00 ist Blockzeit. Was ist daran schon flexibel? Wäre mir weniger veräppelt vorgekommen wenn sie ehrlich "nicht flexibel" sagen. Da die Babyboomer bald pensioniert werden und sich der Fachkräftemangel in allen Bereichen verschärfen wird, werden solche Floskeln hoffentlich bald der Vergangenheit angehören.
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  • Kommentar von A. Tschanz, Thun
    Ein, wie ich finde, wichtiger Aspekt fehlt mir hier noch: Egal ob ÖV oder Auto - die Entwicklung, dass man z.B. in Bern wohnt, aber in Zürich arbeitet ist nicht wirklich gut. Auch ich bin dummerweise davon betroffen - aber es wird leider erwartet. Diese immer krasser werdende Situation entlastet unsere Strasse und ÖV auch nicht gerade. Hinzu kommt noch die Überbevölkerung ... Abgesehen davon würde ich mein Geld, sowie den zeitlichen Aufwand auch lieber anders verpulvern als für den Arbeitsweg.
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  • Kommentar von Ruedi, Stäfa
    " Das kann Probleme geben, wenn man zum Beispiel in einem Verein ist." Vom Verkaufspersonal verlangt man aber Anwesenheit bis in alle Nacht. Es zeigt sich eben, dass alle diejenigen, die nach liberalen Ladenöffnungszeiten rufen selber nicht bereit sind, ihre Zeiten anders zu legen.
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    1. Antwort von Matteo Brändli (matteb)
      freiwillige Tagesstrukturen an den Schulen sind angebracht! Solange die Gesellschaft die Kindeserziehung als fast reine Muttersache ansehen und dennoch die Arbeitsgrad der Frauen bemängeln ("Abschöpfen den Inlandischen Arbeitspotentials erhöhen") gibt es nunmal Terminkollisionen. Zudem haben es Vater schwer z.B. auf 80% zu reduzieren um z.B. die elterlichen Pflichten zu teilen. Mann wird nur ungläubig angestarrt. Wie soll Mann/Frau da den Tagesabflauf neu organisieren?
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