Aufbruch und Absturz in Ägypten: Waguih Ghali «Snooker in Kairo»

  • Montag, 22. Oktober 2018, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Montag, 22. Oktober 2018, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Montag, 22. Oktober 2018, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Der Ägypter Waguih Ghali veröffentlichte 1964 in London einen einzigen Roman, der sich so frisch liest, als wäre er von heute. «Snooker in Kairo» erzählt mit viel Galgenhumor von enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Träumen nach dem Militärputsch von Gamal Abdel Nasser im Jahr 1952.

Ghalis junger Ich-Erzähler kommt aus einer dieser guten Familien, denen auch eine Revolution nichts anhaben kann. Selber hat er kein Geld, was sein Gewissen schärft und ihn immer desillusionierter macht. Ram ist ein grosser Trinker, ein leidenschaftlicher Spieler und ein kompromissloser Freigeist. Er ist blitzgescheit, sehr frech und sehr liebenswürdig. Schliesslich zerbricht er an sich und der Welt.

Waguih Ghalis «Snooker in Kairo» oszilliert zwischen J. D. Salingers «Der Fänger im Roggen» und F. Scott Fitzgeralds «Der grosse Gatsby» und hat etwas Visionäres. Man kann darin die kreative Explosion des Arabischen Frühlings erkennen und die Beklemmung der darauffolgenden Restauration.

Beiträge

  • «Snooker in Kairo» von Waguih Ghali

    Waguih Ghali hat sich, seinen Freunden und Ägypten, das er trotz aller Kritik liebte, mit «Snooker in Kairo» von 1964 ein Denkmal gesetzt.

    Der Roman spielt kurz nach der Revolution von 1952 und macht keinen Hehl daraus, dass unter Nasser alles beim Alten blieb: der himmelschreiende Zynismus der Reichen, die Vetternwirtschaft, die Ausbeutung der Landbevölkerung, die Perspektivlosigkeit in den Städten.

    Ghalis Alter Ego Ram reagiert darauf mit einer Mischung aus Zynismus, Verzweiflung, Schabernack und immer gefährlicheren politischen Aktionen.

    Franziska Hirsbrunner

  • Intimes Porträt und visionäres Zeitbild

    Als Waguih Ghali sich 1968 in London das Leben nahm, war er ohne Pass. Er hatte die ägyptische Staatsbürgerschaft verloren, weil er für eine Reportage nach Israel gereist war. Ghali, ein Kopte aus ehemals reicher Familie, dachte und handelte aus Prinzip quer.

    Er war ein kritischer Kommunist und hasste das koloniale Erbe der Engländer ebenso wie die Militärs und seine reichen Verwandten. Für seinen unbestechlichen Blick auf die ägyptische Gesellschaft zahlte er einen hohen Preis.

    Die Ägyptenkenner Susanne Schanda und Hartmut Fähndrich diskutieren Waguih Ghalis Erbe und seine Aktualität.

    Franziska Hirsbrunner

Autor/in: Franziska Hirsbrunner, Philipp Scholkmann, Moderation: Brigitte Häring, Redaktion: Anna Jungen