Literatur im Gespräch: Plädoyer gegen das Vergessen

  • Donnerstag, 25. Juni 2020, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 25. Juni 2020, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Donnerstag, 25. Juni 2020, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Kriege töten, lassen Menschen verschwinden oder zwingen sie zur Flucht ins Exil. Das hinterlässt bei Überlebenden Wunden und Verletzungen. Oft werden diese verdrängt. Die Bücher «Vom Nachexil» und «Ein Lied für die Vermissten» thematisieren das Schweigen und erzählen wie Familien darunter leiden.

Ein 10jähriger Junge aus einer wohlhabenden deutschen Familie mit jüdischen Wurzeln wird 1938 ohne Nennung der Gründe weggeschickt ins Exil. Seine Eltern verstecken ihn und seinen Bruder vor den Nazis. Er überlebt die Zeit des Nationalsozialismus. Aber er empfindet Zeit seines Lebens Verlorenheit und Scham. Der Junge ist der Autor Georges-Arthur Goldschmidt. In seinem autobiografischen Buch «Vom Nachexil» erinnert er sich noch heute, im Alter von über 90 Jahren, glasklar an den Tag des Abschieds.

Ein anderer gleichaltriger Junge kehrt Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Exil in Deutschland zurück in das kriegsversehrte Beirut. Er findet sich in einem Land wieder, in dem ein unheilvolles Schweigen herrscht. Es wird nicht über die vielen Menschen gesprochen, die im Krieg spurlos verschwunden sind. Im Roman «Ein Lied für die Vermissten» erzählt der Autor Pierre Jarawan, der selber libanesische Wurzeln hat, wie der Bürgerkrieg im Libanon noch heute nachwirkt, auch wenn in Beirut heftig gebaut wird und die Kriegs-Spuren an den Gebäuden langsam verschwinden.

Die Kritikerrunde diskutiert in der Sendung «Literatur im Gespräch» über «Vom Nachexil» von Georges Arthur Goldschmidt und «Ein Lied für die Vermissten von Pierre Jarawan sowie den neu übersetzten Roman «Der USB-Stick» des französischen Autors Jean-Philipp Toussaint über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft.


Gäste: Stefanie Leuenberger, Thomas Hunkeler

Beiträge

  • Der «USB Stick» von Jean-Philippe Toussaint

    Im neustsen Roman des Starautors geht es um einen Zukunftsforscher, der bei der europäischen Union in Brüssel arbeitet. Nach einem Vortrag wird er von dubiosen Mittelsmännern kontaktiert. Sein Wissen über neue Technologien wie etwa Blockchain ist für sie interessant.

    Der Forscher lässt sich contre coeur auf die Avancen ein und gerät unverhofft in eine brenzlige Situation. Was wie ein Cyberkrimi daherkommt, verwandelt sich am Schluss in eine sehr rätselhafte Geschichte, in der die Hauptfigur zwei Tage lang komplett von der Bildfläche verschwindet.

    Buchhinweis:Jean-Philippe Toussaint: Der «USB Stick». Frankfurter Verlagsanstalt

    Esther Schneider

  • «Vom Nachexil» von Georges-Arthur Goldschmidt

    Wer aus seinem Land flüchten muss und im Exil ein neues Leben aufbaut, der wird den Moment des Abschieds nie vergessen. Goldschmidt beschreibt, wie ein kleiner jüdischer Junge seine Eltern und sein Land verlassen muss.

    Er kann sich vor den Nazis in einem katholischen Internat in Frankreich verstecken. Das Exil teilt sein Leben in ein Vorher und ein Nachher. Was ihm hilft, sich im Exil zurechtzufinden und heimisch zu werden, ist die Literatur. Und die französische Sprache.

    Buchhinweis:Georges-Arthur Goldschmidt: «Vom Nachexil». Wallstein Verlag

    Esther Schneider

  • «Ein Lied für die Vermissten» von Pierre Jarawan

    Beirut Mitte der 90er Jahre. Noch sind dei Zeichen des Krieges an den Häusern sichbar. Zerbombte Häuser, Einschusslöcher, Bombenkrater. Doch es sind nicht diese sichtbaren Überreste des Krieges in der Stadt, die den 12jährigen Amin verstören. Es ist das seltsame Schweigen der Erwachsenen.

    Nach 12 Jahren im Exil in Deutschland, kehrt er in seine Heimatstadt Beirut zurück. Und er spürt, dass ihm die Erwachsenen, allen voran seine Grossmutter, etwas verschweigen. Und er realisiert mit der Zeit, dass es mit dem Tod seiner Eltern zu tun hat.

    Buchhinweis:Pierre Jarawan: «Ein Lied für die Vermissten». Berlin Verlag

    Esther Schneider

Autor/in: Esther Schneider, Moderation: Esther Schneider, Redaktion: Michael Sennhauser