Alles ist jetzt

Diesem Debut gelingt der gekonnte Spagat zwischen Ironie und poetischem Sound und wird zu einem Buch von rarer Intensität

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Vor vielen Jahren, als Ingrid die Welt nicht mehr aushielt, nahm sie ihre Sachen und verschwand. Raus aus dem kleinen, erdrückenden Vorort und dem Haus mit ihrer kranken Mutter, weg von dem Gedanken an Moritz, der nicht zu ihr stand. Doch jetzt ist sie schon Jahre in der Grossstadt, und die Luft wird immer dünner. Ihr Bruder vertickt Drogen und ihre Kollegin in der Live-Sex-Bar liefert sie ans Messer. Als alle sie verraten haben, wird ihr klar: Wohin sie auch geht, ihre Erinnerungen nimmt sie mit. Und die Überzeugung, nichts wert zu sein. Um das zum Verschwinden zu bringen, muss Ingrid endlich handeln. Am Silvesterabend fliegt sie nach New York. Es könnte ein ganz handelsüblicher Roman über die Dämonen einer jungen Frau sein, über den Kampf eines Mädchens mit ihrem Schmerz, der mit den üblichen Mitteln also Alkohol, Selbstzerstörung, ziellosem Treiben ausgefochten wird. Was ihn dann doch von dieser Art Befindlichkeitsprosa abgrenzt, ist die so deutliche und knappe Form, die ohne Umwege Anteilnahme am Schicksal dieser Frau provoziert. Freilich will man sie noch immer schütteln, ihr andere, neue Wege aufzeigen, die da wären. Aber in dieser verkürzten, kompromisslosen Art des Umgangs ist etwas Beeindruckendes, Fesselndes. Alles ist jetzt.

Julia Wolf *1980 schreibt Prosa und Szenisches für Theater, Radio und Film. Für ihre Arbeit hat sie verschiedene Stipendien und Auszeichnungen erhalten, unter anderem vom Literarischen Colloquium Berlin, dem Hessischen Literaturrat und der Filmförderungsanstalt FFA. Für ihren Debütroman "Alles ist jetzt" erhielt sie den Kunstpreis Literatur 2015 der Brandenburg Lotto GmbH. Julia Wolf lebt in Berlin.

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Leseprobe

Ein kurzes Zögern, die Möglichkeit einer Umarmung, wenn Ingrid aufstünde, aber das mit den Umarmungen lassen sie eben schon lange. Ingrid hat ihren Vater das letzte Mal an seinem 50. Geburtstag berührt, auf die Wange geküsst hat sie ihn und es noch im Kuss bereut. Alle, die um sie herumstanden, haben so komisch geguckt. Die Frau und der Sohn von Werner, die anderen Gäste, als hätte Ingrid etwas getan, das sich nicht gehört. Jetzt hat Werner endlich den Mantel abgelegt, sich hingesetzt und als Erstes das kleine Gläschen mit dem Teelicht darin von links nach rechts geschoben. So. Nur Ingrids Blumenstrauss, der bleibt, wo er ist, den rührt er nicht an. Denn der dient als Beweis: Werner vergisst seine Tochter nicht. Jetzt endlich sieht er sie an, Werner blickt Ingrid kurz in die Augen. Die Möglichkeiten von etwas, Echo eines Gefühls, aber das lassen sie ja. Verlegenheit auf beiden Seiten. Ingrid hat Glück, vor ihr steht die Tasse, mit Löffeln drin, da hat sie was für die Finger. Aber auch Werner weiss sich zu helfen, er schiebt einfach das Teelicht zurück, von rechts nach links, den Zuckerstreuer gleich hinterher. Ich brauche Platz, sagt er und lacht, er räuspert sich, Also. Ingrid erinnert sich, worum es hier geht, warum sie hier ist, und reisst sich zusammen. Sie richtet sich in ihrem Stuhl auf und sieht, wie der Blick des Vaters an ihrer Brust herab. Sie sieht, was ihr Vater sieht, einen bräunlichen Fleck auf ihrer Bluse.

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Julia Wolf: Alles ist jetzt
Frankfurter Verlagsanstalt, 158 Seiten
ISBN: 978-3-627-00211-4

Autor/in: Nora Zukker