Anna K.: Total bedient

Wir hören beim Arbeiten Radio - Anna K. hört die Rezeptionsklingel. Wir denken beim Wort «Hotel» an ein schönes Zimmer - Anna K. denkt an seltsame Gegenstände, die sie in den Zimmern findet, wenn die Gäste abgereist sind. Anna K. war Zimmermädchen und plaudert aus dem Nähkästchen.

Anna K.: Total bedient (Hoffmann und Campe)
Bildlegende: Anna K.: Total bedient (Hoffmann und Campe)

 

Ihr erster Job im Hotelgewerbe war in einem Drei-Stern-Hotel in Berlin. Dort kam die heute 29jährige Berlinerin Anna K. zum ersten Mal mit dem seltsamen Verhalten vieler Hotelgäste in Berührung, wie zum Beispiel beim Frühstück:

Es ist bemerkenswert, mit welchen Gesten die Gäste darauf aufmerksam machen, dass sie ein neues Getränk wünschen. Sie wedeln mit ihren leeren Thermoskännchen oder weisen mit offener Handfläche in die leere Tasse und ziehen dabei die Augenbraue hoch, als hätte ich ahnen müssen, dass ihre Kanne in Kürze leer sein würde. Vor allem bestellen sie ihren zweiten Kaffee mit einer Ungeduld, als drohen sie an einem akuten Koffeinmangel zu sterben. In so ein Kännchen, das wir pro Person ausgaben, passte ein halber Liter Kaffee. Ich kenne bis heute wenig Menschen, die zu Hause mehr als einen Liter Kaffee trinken, bevor sie zur Arbeit gehen. 

Bei der Lektüre des unterhaltsamen Buches «Total bedient», kommt der Verdacht auf, dass die Menschen ihren Verstand abgeben, wenn sie an der Rezeption ins Hotel einchecken. Sie lüften nicht, benutzen die Dusche als Toilette und sind der Überzeugung, dass Zimmermädchen ihren Job einzig darum gewählt haben, weil sie mit den männlichen Gästen ins Bett steigen dürfen. Zufälligerweise waren viele Männer gerade noch unter der Dusche und tragen nur ein Handtuch um die Hüften, wenn ihnen das Zimmermädchen etwas aufs Zimmer bringen soll. Anna K. wurde einmal von einem nackten Mann im Zimmer eingeschlossen - zum Glück hatte sie einen Ersatzschlüssel dabei.

Natürlich passieren in einem Hotel nicht jeden Tag aussergewöhnliche Dinge. Anna K., die in verschiedenen Hotels wie auch einem Schiff und in diversen Funktionen beschäftigt war, erzählt auch vom stinknormalen Arbeitsalltag, von Kollegen, Freundschaften, Vorgesetzten, Bewerbungsschreiben, dem Konkurrenzkampf, den leidigen Themen Lohn und Druck, aber natürlich auch von netten Gästen, die ihr ans Herz gewachsen sind. So kann man nicht nur seine Schlüsselloch-Neugierde befriedigen, sondern auch einen Beruf unter die Lupe nehmen - und das menschliche Wesen an und für sich. Denn in Hotels scheinen Menschen so enthemmt zu sein, wie sie es sonst nirgends sind.

Autor/in: Tanja Kummer