Berührendes Romandebut von Annette Lory «Vom Fliegen ausser Atem»

Sara ist 18 und will weg. Als Au-Pair nach Amerika. Dann lernt sie den Maler Nino kennen. Die beiden reisen durch Amerika und landen in New York. Dann verschwindet Nino und Saras Suche beginnt. Die Suche nach Nino ist gleichzeitig die Suche nach sich selbst für Sara. Ein bemerkenswertes Debut!

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Wer kennt es nicht: Man ist gerade 18 geworden. Was man arbeiten oder studieren soll, weiss man noch nicht und eigentlich hat man von der Welt noch nicht so viel gesehen. Also geht man von zu Hause weg und in ein anderes Land. So macht das auch Sara. «Vom Fliegen ausser Atem» erzählt die Geschichte der 18-jährigen Sara, die nach ihrer Ausbildung möglichst weit weg von Zuhause will. Sie landet als Au-Pair in den USA. Das erhoffte Gefühl der Freiheit stellt sich jedoch nicht ein. Als sie den Künstler Nino kennen und lieben lernt, scheint ihr Leben endlich die richtige Wendung zu nehmen. Ihre Reise zu sich selbst hat aber gerade erst begonnen.

Junge Figuren aber kein Jugendbuch

Annette Lory zeichnet das Porträt einer sensiblen jungen Frau, die immer wieder an ihre Grenzen stösst, fällt, sich aufrappelt und nach Atem ringt. Ja, es sind junge Figuren, die Hauptfiguren im Roman von Annette Lory. Aber eigentlich vergesse ich das während ich das Buch lese. Weil Sara ist erstaunlich erwachsen und klar in ihren Gefühlen. Obwohl die Autorin auch schon Jugendbächer geschrieben hat, ist diese Geschichte eine Geschichte für Erwachsene. Weil so anders wird es ja dann auch nicht, wenn wir älter werden. Die Lust, aufzubrechen und auszubrechen bleibt in uns drin. Nur können wir nicht mehr einfach gehen, weil wir uns verpflichtet haben an die Famile, den Beruf, die Freunde vielleicht. Und es passiert nicht mehr alles Schlag auf Schlag wie mit 18. Die Geschichte von Sara und Nino ist die Geschichte über eine Liebe, die nicht nur hell und leicht ist und die in einem Millieu gelebt ist, das prekär ist. Und trotzdem entlässt Annette Lory den Leser mit einem leichteren Gefühl. Die Sprache ist klar und überlegt.

Text und Fotografien

Claudia Fellmer und Sabine Hagmann ergänzen die Geschichte mit fotografischen Interpretationen. Sie schaffen mit den Bildbeiträgen einen weiteren Erlebnishorizont der atemraubenden Umwege auf Saras Reise zu sich selbst.

Leseproben

Die Weiterreise wäre einfacher, wenn sie heiraten würden, hatte Nino gesagt. Vor allem wenn sie nach Europa wollten. Er hatte ihr einen Ring geschenkt. Silber mit Lapislazuli. Der Stein stamme aus seiner Heimat, hatte er gesagt, und Sara hatte den Ring an ihre Halskette gehängt, die Kette der Grossmutter, ihre Hände die den filigranen Verschluss nicht mehr öffnen und schliessen konnte. [...]

Aber auch die Sara, diue gestern noch verzweifelt versuchte herauszufinden, was mit ihrem Freund passierte, ist in die Ferne gerückt. Nicht ganz so weit. Sara spürt immer ein Flattern, ein leises Ziehen im Bauch. Keine Angst mehr. Ninos Situation scheint längst nicht mehr so dramatisch. Ein Moment im Leben. Etwas, wovon Nino später erzählen würde. Ein abendteuerliche Geschichte, deren Held es wäre: Ja, ich war dort. Ja, es war schrecklich. Ich habe es überstanden. [...]

Sara geht an der Zimmertür vorbei zur Küche. Nino sitzt am Tisch, als wäre nichts gewesen. Ungewöhnlich ist nur seine Haltung: der gesenkte Blick, die verschränkten Arme. Unter dem Tisch bewegt sich ein Fuss, verursacht ein rythmisches Klopfen. Sara tirtt über die Türschwelle und bleibt stehen. Nino reagiert nicht. Zwischen ihm und Sara breitet sich ein Meer aus schwarzen und weissen Fliessen aus, ein überdimensionales Schachbrett. Wie ein trotziger, kleiner Junge sitzt Nino da. Vergeblich versucht Sara, seinen Blick zu finden. Unter dem Küchentisch handelt sein Fuss auf eigene Faust, wippt auf und nieder. Bilder der letzten Tage gehen Sara durch den Kopf: David, das Hotel, der fleckige Bettvorleger, Victors Zimmer, das Flackern der Kerzen, das Chaos, die Polizisten, der Polizist im Türrahmen -
Dazwischen drängen sich andere, ältere Bilder: Grossmutters Küche, die roten Spritzer auf den Fliesen, Ninos Malereien, ausgebreitet auf der Parkbank oder auf der Strasse.

 

Annette Lory
Vom Fliegen ausser Atem
Kommode Verlag, 208 Seiten
ISBN 978-3-9524401-1-7
Mit Fotografien von Claudia Fellmer & Sabine Hagmann

Autor/in: Nora Zukker