Charlotte Roche: Schossgebete

Pornoautorin, Parodistin oder Power-Emanze einer neuen Frauengeneration? Seit Charlotte Roche 2008 mit dem Roman «Feuchtgebiete» debütiert hat, wird die Autorin mit diversen Begriffen austaffiert.  Ihr neues Buch heisst «Schossgebete» und hält zum Glück nicht, was der Titel verspricht.

 

«Feuchtgebiete» handelte unter anderem von den Löchern, die Menschen im Körper haben und was man damit machen kann und was aus den Löchern kommt und was man damit machen kann. Aber der Roman erzählte auch die stille Geschichte einer jungen Frau, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet - eine Geschichte, die man im lauten Sex-Tamtam nur leise gehört hat. In «Schossgebete» ist die stille Geschichte lauter. Und Charlotte Roche erzählt sie so verzweifelt, traurig und wütend, dass sie einem an die Nieren geht.

Die 33jährige Elizabeth erzählt den Lesern im knapp 300seitigen neuen Roman immer wieder vom Sex mit ihrem Mann. Der Sex wird detailliert und freizügig formuliert, wie bei  «Feuchtgebiete» gehabt. Ein bisschen schnoddrig, ein bisschen Bedienungsanleitung. Was beim Lesen von «Schossgebete» den Atem nimmt, sind aber nicht Elizabeths Fellatiokünste, sondern ihr Familienschicksal.

Vor zehn Jahren wollte Charlotte Roche heiraten. Auf dem Weg zur Hochzeit verunglückte ihre Familie. Die Mutter wurde schwer verletzt, die drei Brüder waren tot. Eine deutsche Boulevardzeitung berichtete darüber - auf ihre Art. «Ich würde mich so gern an dem Herausgeber der Zeitung rächen, die aus dem Unfall in unserer Familie damals ihr widerliches Blutgafferkapital geschlagen haben» schreibt Charlotte Roche in «Schossgebete».

Das Buch ist flott zu lesen: Charlotte Roche sprudelt in einem stellenweise assoziativ formulierte Tagebuchstil mit unkompliziertem Wortschatz, gespickt mit vermutlich persönlichen Ansichten der Autorin zu Themen wie Kochen - alles Bio - oder Kindererziehung - streng, aber gerecht. Wenns um den Unfall geht, wird sie phasenweise aber auch ganz ruhig und verzichtet auf Zoten und Kraftausdrücke. Es ist ein Buch mit zwei Stimmen: Einer grölend lauten Stimme und einer stillen, traurigen, die aber genau dadurch echt und stabil wirkt.

Autor/in: Tanja Kummer