Der Araber von morgen

Der Comiczeichner Riad Sattouf kennt die orientalische und westliche Kultur und deren Konflikte. Seine Graphic Novel erzählt auf scharfsinnige und ironisch-melancholische Weise von seiner Kindheit zwischen den Welten.

Eine Frau und ein Mann, der ein Kind auf den Schultern trägt, gehen auf der Strasse, im Hintergrund ein Bild eines Diktators.
Bildlegende: Buchcover von «Der Araber von morgen». Knaus

Der gebürtige Franzose Riad Sattouf gehört zu den bekanntesten Comic-Künstlern Frankreichs. Er zeichnete zehn Jahre für die Satire-Zeitung Charlie Hebdo.

Das kindliche Staunen

Die Erzählung «Der Araber von morgen» des heute 36-jährigen Riad Sattouf setzt im Jahr 1980 in Frankreich ein, als der kleine blonde Junge zwei Jahre alt ist. «Damals war die Welt ein Nebel, bevölkert von freundlichen Riesen.» Er wurde von allen Seiten ob seiner blonden Locken bewundert. «Alles, was ich sagte, rief Erstaunen und Freude hervor.»

Sattouf pflegt einen eigenen Stil

Die Bilder, deren Zeichenstil sich am in den 1990er Jahren populär gewordenen französischen Independent-Comic orientieren, harmonieren perfekt mit dem satirischen Inhalt. Weit weg von der Perfektion des realistischen Zeichnens fand Sattouf einen eigenen Stil, stattet seine Figuren mit einfachen, aber einprägsamen Merkmalen aus und schafft es trotz der vermeintlichen Einfachheit, Stimmungen und Gefühle in den Gesichtern zu spiegeln.

In beinahe jedem Bild finden sich ironische Anspielungen auf die Situation der arabischen Länder. Gleich zu Beginn in Libyen bekommt die Familie von Sattouf ein Haus. Der arabische Sozialismus macht es möglich, dass sie nach ihrer Rückkehr von einem Spaziergang vor verschlossenen Türen stehen. Hier wohnt nun ein anderer, denn jedes Haus gehört jedem. Steht eines leer, kann der einziehen, der es findet. Ein auf die Spitze getriebener Running Gag, der sich durch die ganze Zeit der Sattoufs in Libyen zieht.

Offenlegung von Missständen und Widersprüchen

Überhaupt finden sich in der Graphic Novel zahllose Anspielungen und Offenlegungen von Missständen und Widersprüchen. Riad Sattouf gibt seinem Text zwei Ebenen. Einerseits ist da das naive Kind, das mit seinen Augen die Absurditäten des Lebens wahrnimmt, andererseits die allwissende Erzählinstanz, die Zusammenhänge erklärt, Geschichtswissen vermittelt und verdeutlicht, dass von der Aufbruchstimmung eines arabischen Frühlings noch nichts zu spüren war. Diktatoren wie Gaddafi und al-Assad herrschten nach Belieben, der erste Eindruck des 6-jährigen Riad am syrischen Flughafen beispielsweise sind die endlosen Abbildungen des Staatsoberhauptes.

Witz, Ironie und Tiefe

Alle Szenen in der Graphic Novel würden auf seinen Erinnerungen beruhen, erklärt Riad Sattouf. Das Wissen darum, dass nichts erfunden, lediglich ironisch überspitzt ist, gibt der Geschichte eine besondere Brisanz. Der Zeichner vermittelt einen Eindruck dafür, wo die Wurzeln von radikalem Islamismus liegen könnten, und zeichnet die «Tragödie» der arabischen Welt zu Beginn der 1980er Jahre nach. Und das tut er mit der richtigen Mischung von Witz, Ironie und Tiefe.

«Der Araber von morgen» ist der Auftakt zu einer dreibändigen Reihe über Riad Sattoufs Kindheit im Nahen Osten, bis er im Alter von 13 Jahren endgültig nach Frankreich zurückkehrt. Eine Graphic Novel, die sich in Ton und Form wunderbar ergänzt, über die gesamten 160 Seiten witzig bleibt und den Leser dringend auf den nächsten Band wartend zurücklässt.

Riad Sattouf
Der Araber von morgen: Eine Kindheit im Nahen Osten
Graphic Novel
Albrecht Knaus Verlag
ISBN: 978-3-8135-0666-2

Der Araber von morgen («Literaturclub» vom 12.05.2015)

Autor/in: Nora Zukker