Dieser Roman macht durstig: «Die Kunst, Champagner zu trinken»

Amélie und Pétronille suchen den Rausch – in der Literatur und im Champagner. Doch es gibt Dämonen, die sich auch im besten Schaumwein nicht ertränken lassen. Amélie Nothomb ist Kult und überzeugt auch in ihrem neusten Roman einmal mehr mit ihrem gnadenlosen Blick in unsere seelischen Abgründe.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Amélie Nothomb liebt Champagner, trinkt aber nicht gern allein. Deshalb sucht sie nach Gleichgesinnten, die den Rausch ebenso kultivieren wie sie. Bei einer Lesung lernt sie Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge, Amélies Bücher kennt und bald schon selbst einen Roman veröffentlicht. Amélie merkt sofort: Mit Pétronille ist nicht nur gut Kirschen essen, sondern auch Champagner trinken. Fortan finden die beiden stets gute Vorwände, ihrem kleinen Laster zu frönen. Nach Amélies Besuch bei Vivienne Westwood treffen sie sich in London, sie feiern Silvester bei Pétronilles kommunistischen Eltern in der Pariser Banlieue, und selbst auf der Skipiste sieht man sie mit der Flasche in der Hand. Doch plötzlich kommt Katerstimmung auf.

Amélie schreibt über Amélie

Amélie Nothomb wäre nicht Amélie Nothomb, wenn auch nicht ihr neuster Roman wieder ein autiobiografischer wäre. Vielleicht ist es ein Trick einer begabten Schriftstellerin, dass sie jedes ihrer Bücher so schreibt, dass wir davon ausgehen dürfen, es sei ihr Leben. In «Die Kunst, Champagner zu trinken» macht sie sich gar nicht erst die Mühe zu verfremden. Die Erzählerin heisst Amélie und bewegt sich als erfolgreiche Schrifstellerin im Literaturbetrieb von Paris. Wir bekommen einen direkten und sehr authentischen Einblick in die Welt der Schreibenden und in deren Innenleben. Zwischen Euphorie und Selbstzweifel. Aber eigentlich ist die Frage nach den autobiografischen Bezügen nicht besonders aufregend. Denn der Text überzeugt an sich. Und darum soll es bitte am Ende ja auch gehen.

Amélie Nothomb ist Kult

In Frankreich landet jedes ihrer Bücher direkt auf der Bestsellerliste. Übersetzt werden sie in über 39 Sprachen und erfreuen sich über Millionenauflagen. Ihre Fans verehren sie. Nicht nur, weil man Amélie Nothombs Bücher verschlingt, nein, auch die Schriftstellerin ist eine Erscheinung. Lange schwarze Haare, meist schwaz angezogen, manchmal ein grosser Hut, die Lippen immer blutrot.
Was Amélie Nothombs Werk so lesenswert macht, ist ihr leichter Stil, der gleichzeitig gepaart ist mit einer genauen Beobachtungsgabe. Das zeigt sich besonders in ihren humorvollen Beschreibungen ganz alltäglicher Situationen. Auch in Bezug auf sich selbst ist sie fähig zur Ironie.

Leseprobe

Eine renomierte Frauenzeitschrift kontaktierte mich, um mich zu fragen, ob ich nach London fahren und Vivienne Westwood interviewen wolle. Ich nahm schon seit einiger Zeit keine Aufträge mehr an. Aber in diesem Fall liess ich mich aus zwei Gründen dazu verführen: Erstens wollte ich endlich einmal englischen Boden betreten - das hatte ich, so seltsam das erscheinen mag, bis 2001 nie getan - , und zweitens hatte ich Lust, die geniale Vivienne Westwood kennenzulernen, diese Ikone von Chic und Punk. Hinzu kam, dass mein Gegenüber bei der Zeitschrift eine reizende Person war, die mir die Sache folgendermassen präsentierte: Frau Westwood war richtig begeistert, als ich Ihren Namen nannte. Sie findet Ihren Look so wundervoll kontinental. Ich denke, es wird ihr eine Freude sein, Ihnen ein paar Stücke aus ihrer neuen Kollektion zu schenken.
Ich kapitulierte. Die Journalistin freute sich anmutig. Für mich würde ein Zimmer in einem Londoner Luxushotel reserviert, ein Fahrer würde mich abholen und so weiter. Je länger sie redete, desto deutlicher malte ich mir den Film aus. Und was sie beschrieb, entsprach meinen glühendsten Wünschen. [...]
Da ich gerne mit leichtem Gepäck reise, war ich schon passend für die Gelegenheit gekleidet: Dem Urteil Vivienne Westwoods entsprechend, trug ich meinen kontinentalsten Spitzengehrock und meinen belgischen Diabolo-Hut. Das Gesicht malte ich mir weiss wie Schnee, die Augen kohlrabenschwarz und die Lippen kaminrot. Vor dem Hotel wartete ein Fahrer auf mich. [...]
Um Fassung ringend, stellte ich die Fragen, die ich vorbereitet hatte. Es ist unendlich viel schwerer, Fragen zu stellen, als zu beantworten. In ihrem Alter musste Vivienne Westwood das wissen. Dennoch seufzte sie jedes Mal, wenn ich es wagte, sie etwas zu fragen, oder unterdrückte ein Gähnen. Der Redeschwall, mit dem sie dann darauf antwortete, liess den Schluss zu, dass ihr meine Fragen ganz gelegen kamen. [...]
Beatrice! Oh my darling! rief sie, von Zärtlichkeit ergriffen. Sie hob den Hund hoch, nahm ihn in die Arme und überschüttete ihn mit Küssen. Sie zerfloss geradezu vor Liebe. Ich war verblüfft. Wer ein Tier so liebte, konnte kein schlechter Mensch sein. Beatrice begann zu kläffen, was bestimmt etwas bedeutete, nur dass ich nicht wusste, was. Miss Westwood offenbar schon, denn sie setzte den Hund an und sagte trocken zu mir: Its time to walk Beatrice. Ich nickte. Wenn Beatrice so kläffte, hiess das also, dass sie rausmusste. [...] Ich sah zu dem Mann in Schwarz hin, der hinter der offenen Tür stand: Hatte er den an ihn gerichteten Auftrag überhört? Dont you understand English? Endlich begriff ich. An mich, ausschliesslich an mich ear diese Botschaft, nein, dieser Befehl ergangen. [...]
Vorsichtig versuchte ich für mich zu formulieren: Vivienne Westwood hatte mich erst ausgiebig beleidigt und mir dann befohlen, mit ihrem Hund Gassi zu gehen. Ja, genau so war es.

Autor/in: Nora Zukker