«Eine Depression ist ein fucking Event!»

So lautet der erste Satz des Debütromans «Mängelexemplar» der deutschen Moderatorin Sarah Kuttner, die mit hohem IQ, EQ und CQ (Coolnessquotient) gesegnet ist. Ihr Buch über Depressionen ist eine echte Erlösung für junge Leute.

Sarah Kuttner: Mängelexemplar
Bildlegende: Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Karo ist eine 27jährige Powerfrau mit Ecken und Kanten, ein Stehauffrauchen mit Lieblingssatz: «Ich mach das, kein Problem». Als sie ihrer Stelle in einer Event-Agentur verliert und ihre Beziehung beendet, denkt sich der Leser, die Leserin: Och, kein Problem - diese Frau wird einen neuen Mann und einen Job finden. Aber in dieser Zeit, in der Karo wenig zu tun hat und häufiger alleine ist, wird sie auf einmal von Angstgefühlen überwältigt, von denen sie nicht weiss, woher sie kommen.

Sarah Kuttner beschreibt ein Jahr im Leben ihrer Protagonistin Karo, die immer ein schnelles Leben gelebt hat und nun von einer Depression ausgebremst wird. Sie erzählt von der Therapie, den Reaktionen des Umfeldes und der Schwierigkeit, die Depression und die quälenden Gefühle, die damit einhergehen, zu akzeptieren. Aber auch von ihren Problemen mit Männern, von Freundschaften und der Beziehung zu den Eltern. Das Buch ist in schmissiger Jugendsprache geschrieben, leicht zu lesen, es ist echt, charmant und schonungslos. Dass Karo die Klappe so weit aufreisst tut gut es ist die Kampfansage an die Tabuisierung des Themas Depressionen, die Lizenz zum Drüberreden und um sich helfen zu lassen, wie Karo es macht. Und zwar erfolgreich. Für junge oder jüngere Mensche ist das sehr motivierend.

Leseprobe, S. 9:

Ich bin ein grosser Fan von messerscharfen Diagnosen, denn die versprechen Heilung. Sie gaukeln einem vor, dass das Problem erkannt ist und sich Mutti jetzt drum kümmern wird. (...) Mir persönlich ist beispielsweise ein Bein, das aus Gründen einer messerscharf diagnostizierten Krankheit amputiert werden muss, deutlich lieber als Angstanfälle, die keiner versteht und die deshalb auch nicht abgeschnitten, ausgemerzt, über den Jordan geschickt werden können. (...)
Es ist so, als ob man im Radio sauteurer Tickets für ein Konzert gewinnt, auf das man keine Lust hat. Eine Depression ist wie ein Madonna-Konzert: wirklich ein «fucking Event.» Allerdings ein beschissenes und unnötiges «fucking Event».

Alles, was man wissen muss

Das Buch «Wege aus der Depression» geht das Thema aus anderer Richtung an, greift es umfassend und sachlich. Und tut dabei gut, weil es verständlich geschrieben ist und man als LeserIn auch als Laie das Gefühl hat, verstanden zu werden.

Sucht man Bücher über Depressionen, begegnet einem der Name «Daniel Hell» die ganze Zeit. Der Psychiater und Psychotherapeut publiziert seit Jahren Bücher  zum Thema. Sie zeigen verschiedene Aspekte, haben aber gemeinsam, dass sie verständlich formuliert sind und so wird deutlich, dass Daniel Hell alles daran liegt, dass Betroffene und Angehörige so viel wie möglich über Depressionen in Erfahrung bringen können.

«Wege aus der Depression», das Daniel Hell zusammen mit der Journalistin Helga Kessler verfasst hat, ist ein Long-Time-Seller, 2002 erschienen und immer wieder überarbeitet. Fallbeispiele von ganz unterschiedlichen SchweizerInnen in verschiedenen Situationen führen als Einleitung ins Buch und vor Augen, dass es nicht DIE Depression gibt. Symptome, Gründe, Behandlung alles unterscheidet sich. In übersichtlichen Kapiteln finden sich alle wichtigen Informationen rund ums Thema vom Erkennen der Depression über die Auswirkungen bis zum Überwinden.

So endet das Buch mit dem Kapitel «Gesund werden, gesund bleiben»  und einem Anhang mit vielen nützlichen Adressen von Beratungsstellen etc. alles auf die Schweiz bezogen. Die Depression ist in ihren verschiedenen Facetten nicht auf ein klares Bild zu reduzieren. Aber dieses Buch hilft dabei, ihren Umriss zu erkennen.

Helga Kessler, Daniel Hell: Wege aus der Depression
Beobachter-Buchverlag, 208 Seiten
ISBN: 978-3-85569-468-6

Sarah Kuttner: Mängelexemplar
Fischer Taschenbuch, 309 Seiten
ISBN: 978-3-596-51189-1

Autor/in: Tanja Kummer