«Eine Frau flieht vor einer Nachricht» & «Sie haben mich verkauft»

«Mütter in Not» - das Thema von «Jeder Rappen zählt» 2011 ist in der Literatur in mannigfaltiger Art und Weise vertreten. Die folgenden beiden Roman sind gleichermassen fesselnd und gehen das Thema ganz verschieden an.

Das Buchcover von David Grossmans Werk
Bildlegende: Das Buchcover von David Grossmans Werk

 

TIPP 1: Oxana Kalemi / Sie haben mich verkauft

Oxana Kalemi wird 1976 in der Ukraine geboren und hat schon als junge Frau drei Kinder. Der Kindsvater entpuppt sich aber als gewalttätiger Nichtsnutz, der nicht arbeitet und Oxana Kalemi damit in Geldnot bringt. Als ihr eine vermeintliche Freundin von einem Job in Rumänien vorschwärmt, bricht sie sofort auf.

Der Gedanke an die Kinder macht stark

In Russland angekommen, wird Oxana Kalemi aber von Menschenhändlern verschleppt und in einer monatelangen Odysee durch Europa gefahren, immer weiterverkauft und missbraucht. Der Gedanke an ihre Kinder macht sie stark und lässt sie unfassbares Grauen überstehen. Eine wahre Geschichte, erzählt in einfacher Sprache. Ein düsteres, aber lesenswertes Dokument.


TIPP 2: David Grossmann / Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Das Buch hat 730 Seiten, die, wenn man sie liest, zu gefühlten 50 Seiten werden, das Buch reisst mit seiner Geschichte mit und berauscht mit bildreicher Sprache. Den Hintergrund der Geschichte bildet der Nahost-Konflikt, Ofer hat sich freiwillig für einen Militäreinsatz im Westjordanland gemeldet. Seine Mutter Ora begleitet ihn zum Sammelplatz:

In allem lag ein grosser Fehler, den man nicht mehr gutmachen konnte. Je näher der Moment des Abschieds kam, so schien es ihr, umso lauter wurde das heisere und scharfe Jauchzen der Begleiter und der Begleiteten, als hätten alle gemeinsam eine Droge eingeatmet, die dazu dient den Verstand zu benebeln. (...) Ofer hatte ihr erzählt, dass sie, wenn sie manchmal vor einem Einsatz fotografierten, auf genügend Abstand zwischen den Köpfen achteten, um Platz zu lassen für den roten Kreis, der später in der Zeitung um sie gezogen würde.

Ora hält es nicht aus, dass Ofer eingerückt ist und macht sich mit ihrem Ex-Partner Avram, dem Vater von Ofer, zu Fuss auf durch Israel. Sie will unerreichbar sein, falls es schlechte Nachrichten aus dem Krieg gibt. Während dieser Wanderung erfährt der Leser die Familiengeschichte von Ora, ihren Männern und Söhne und - damit verknüpft - Facetten der Geschichte Israels vom Sechstagekrieg 1967 bis heute. Ein wort- und bildreiches Buch mit an Hörspiele erinnernden Dialogen. Ein packendes Buch, das nicht mehr loslässt.

Autor/in: Tanja Kummer