Fliegen, bis es schneit

Andreas Neesers Texte sind auch vertont ein Genuss. Und hier wird nun gesungen: Und zwar ein Loblied auf seinen neuen Roman «Fliegen, bis es schneit».

«No alles gliich wie morn» heisst das Mundart-Buch von Andreas Neeser, das 2009 erschienen ist und mit Geschichten und Gedichten aufwartet. Diese Gedichte haben den Musiker und Medienmann Michael Erismann derart angesprochen, dass er sie vertont und auf die CD «Luftpost» gebettet hat. «Fliegen, bis es schneit» heisst das neue Buch des Aargauers Neeser. Wie könnte man diesen Roman vertonen?

Der Zusammenprall

Ein zufriedenes Seufzen, heftiges Aufeinanderklatschen, bedrängendes Stöhnen: Das Buch liesse sich mit Geräuschen vertonen. Zufrieden seufzt Isabelle Meister, eine Hänsin im Glück. Verheiratet, guter Job, Kind und Haus sind in Diskussion. Dann prallt sich aber - bildhaft gesprochen - mit einem attraktiven Musiker zusammen, Obermeier genannt. Er erkennt in ihr den «Engel», den er schon lange gesucht hat und stellt ihr nach, drängt besonders auf sexuelle Erfüllung.

Verbale Ergüsse

Eine selbständige Frau wie Isabelle, denkt man, könnte alle Register ziehen. Obermeier ignorieren zum Beispiel oder anzeigen. Aber der Druck, den er subtil auf sie ausübt, in dem er sich unvermittelt immer wieder mit seinen verbalen Ergüssen meldet, bringt sie in eine Krise, in der sie handlungsunfähig wird. Sie bleibt mit ihren Ängsten weitgehend alleine. Erst spät weiht sie ihren Mann in die Geschehnisse ein.

Andreas Neeser beschreibt Isabelles Situation plausibel, packend und manchmal richtig beklemmend. Er schafft nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern oder Situationen Atmosphäre. Die Informationsdichte des Romans ist gewaltig, trotzdem liest er sich flüssig. Eine gelungene Mischung für anspruchsvolle Leser.

Leseprobe, Auszug aus dem Anfang.

Der Abend stand ungewaschen am Fenster, Halblicht von staubiger Transparenz. Ein verfrühter Sommer hatte die Tage aufgeladen, noch beim Eindunkeln hing die Hitze wie Haut zwischen den gefingerten Blättern der Kastanie. (...) Isabelle lag auf dem Bett.

Die Beine ausgestreckt, die Arme vom Körper abgespreizt, das Gesicht zur Decke gerichtet, lag sie da in einer Erschöpfung, die von diesem Tag nichts mehr erwartete. Sie atmete langsam, oberflächlich, unter den Lidern lichterte es; ab und zu schoss ein unwillkürlicher Impuls durch den Körper, ein kaum merkliches Zucken im Oberschenkel, im Mundwinkel, in der Schulter.

Autor/in: Tanja Kummer