Franz Hohler: Spaziergänge

Franz Hohler hat sich einmal wöchentlich auf die Leutsch gemacht und festgehalten, was er dabei gesehen und gedacht hat. So ist ein variantenreiches, liebevolles und wortsicheres Buch entstanden.

Franz Hohler: Spaziergänge (Luchterhand)
Bildlegende: Franz Hohler: Spaziergänge (Luchterhand)

Vom März 2010 an ist der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler ein Jahr lang einmal die Woche zu einem Spaziergang aufgebrochen. In dieser Zeit hat er seine Heimat Zürich und das Umland erkundet, hat sich aber auch morgens um 3 Uhr mit einer Stirnlampe Richtung Tödi im Glarnerland aufgemacht, mit seinem Vater eine Touristenrunde in Luzern absolviert, in Kanada Bären beobachtet oder das Treiben rund um die Buchmesse in Frankfurt studiert. Dabei fällt auf, wie umsichtig er hinschaut, so, als hätte er anstatt einem Schweizer Sackmesser ein zweites Augenpärli im Rucksack: Er beobachtet und beschreibt, seziert aber nicht.

Archivar der Momente

Stadtwanderer erkennen sich in dieser Situation sofort wieder, die im Spaziergang zum Egelsee festgehalten ist: «Etwas Geduld und Vertrauen braucht es schon, wenn man den gelben Wanderwegzeichen folgt, die einen durch gleichförmige Wohnblockgegenden lotsen.»
Franz Hohler ist in diesem Buch ein Archivar der Momente, sieht den zerfledderten «Blick» mit der Schlagzeile über Jörg Kachelmann genauso wie Moos, Baumriesen, Schilf, das Moor und die Enten am See. Was er sieht, konnte nur am Tag des Spaziergangs, am 23. März 2010, so gesehen werden und zeigt sich, wenn man den beschriebenen Spaziergang selber unter die Füsse nimmt, schon wieder ganz anders.

Das Wandern ist des ... 

Diese Texte sind Liebeserklärungen an das Tempo, das man nur mit Gehen erreicht und - an die Umwelt: Die Natur und die Lebewesen, die einem umgeben. Und es ist ein sorgfältig verfasster Reiseführer, der formal immer wieder überrascht: Franz Hohler notiert zum Beispiel auch ohne Punkte, nur mit Kommas, verlässt die Ich-Perspektive und beschreibt drei Wanderer, er ist einer davon. Zum Glück ist das Wandern des Hohlers Lust, so dass wir unseren Lesedurst stillen können.

Autor/in: Tanja Kummer