Hesse: «Französischer Zinnober und Geraniumlack»

Heute ist der 50. Todestag von Hermann Hesse. Er ist im Tessin gestorben, seiner langjährigen Heimat. Dank ihm und anderen Künstlern seiner Zeit finden sich in unserer Sonnenstube Kulturorte, die Zeitgeschichte dokumentieren und eine magische Atmosphäre ausstrahlen.

Herman Hesse bei der Weinernte in Montagnola im Tessin.
Bildlegende: Herman Hesse bei der Weinernte in Montagnola im Tessin. Museo Hermann Hesse

«Siddhartha», «Das Glasperlenspiel», «Narziss und Goldmund» und andere Bücher haben Hermann Hesse zum einem der wichtigsten deutschsprachigen Autoren gemacht. Sein aufregender, zwiespältiger Geist spürt man nicht nur in seinen Büchern, sondern auch an verschiedenen Orten im Tessin, wie zum Beispiel den folgenden beiden.

Museum Hermann Hesse

Hermann Hesse hat 43 Jahre im Tessin gelebt. Als er 1919 in die Südschweiz zog, inspirierte ihn die Umgebung zur Erzählung «Klingsors letzter Sommer». Der Protagonist, ein Maler, malte dort Bilder der Landschaft: «Seine Palette zeigte damals nur noch wenige, sehr leuchtende Farben: Kadmium gelb und rot, Veronesergrün, Emerald, Kobalt, Kobaltviolett, französischen Zinnober und Geraniumlack», ist im Buch zu lesen.

Hesse hat an verschiedenen Orten gewohnt, zuletzt in der Casa Rossa in Montagnola (in der Nähe von Lugano). Ganz in der Nähe liegt das «Museum Hermann Hesse». Es ist ein Bijou mit abwechslungsreichem Programm, geführten Spaziergängen, Lesungen, Kursen und so weiter. Bis Ende August sieht man dort auch eine Ausstellung über Lisa Tetzner. Sie wohnte mit ihrem Mann im Tessin und hat mit ihm zusammen «Die schwarzen Brüder» geschrieben. Der Kinderbuchklassiker erzählt von Tessiner Knaben, die als Kaminfegerjungen nach Italien verkauft wurden, weil sie klein genug waren um in die Kamine klettern zu können, was für viele der Buben den Tod bedeutet. Der Stoff wird derzeit vom Schweizer Regisseur Xavier Koller verfilmt, die Dreharbeiten im Tessin wurden gerade abgeschlossen.

Lisa Tetzner und ihr Mann waren Freunde von Hermann Hesse, der in seinen letzten Lebensjahren vor allem Briefe an Freunde und Fans schrieb und so das Tessin auch als Heimat von einem grossen Kulturschaffenden, ja gar als Kulturkanton bekannt gemacht hat. Das «Museum Hermann Hesse» dokumentiert mit seinen Austellungen nicht nur das Leben von Hermann Hesse, sondern auch Kultur- und Zeitgeschichte.

Monte Verità

Zwar wurde Hermann Hesse in Süddeutschland geboren (1877 in Calw), seine Eltern, christliche Missionare, zogen aber bereits 1881 nach Basel. Als Erwachsener war Hermann Hesse immer wieder in der Schweiz, unter anderem auch auf dem Monte Verità. Der unscheinbare Hügel bei Ascona war von 1900 an 20 Jahre lang Heimat einer Künstlerkolonie, die, salopp gesagt, ein naturnahes Leben führen wollten. Freie Liebe, vegetarische Ernährung, Licht, frische Luft und die Überzeugung, dass nur die positive Veränderung des eigenes Lebens eine Veränderung der Gesellschaft bewirken konnte, zog unter anderem Künstler, Schauspieler, Psychologen, Blaublütler an - und Hermann Hesse.

Nachdem er 1906 «Unterm Rad» verfasst hatte, begab er sich auf den Monte Verità, «in Verbindung mit der naturgemässen Lebensweise unterwarf er sich einer Alkoholentziehungskur» schreibt Robert Landmann im Buch «Ascona - Monte Verità». Heute dominiert auf dem Monte Verità ein Hotel mit Seminarzentrum, einige kleine Häuser von damals stehen aber zur Besichtigung offen und im bezaubernden grossen Park fällt es leicht, sich in die Atmosphäre einzufühlen, die damals geherrscht haben muss.

Klar, das Tessin lädt ein zum «Sünnele und Sein» - es lohnt sich aber, beim nächsten Besuch nicht nur an den bekannten Promenaden von Locarno, Ascona und Lugano, sondern auch auf Kulturspuren zu wandeln.

Weiterführende Literatur:

Robert Landmann: Ascona - Monte Verità
Auf der Suche nach dem Paradies
huber-Verlag, ISBN: 978-3-7193-1219-4

Andreas Schwab: Monte Verità
Sanatorium der Sehnsucht
Orell Füssli Verlag, ISBN: 978-3-2800-6013-1

Redaktion: Tanja Kummer