«Ich bin der Allergrösste»: Schawinskis Buch über Narzissten

Schnell und süffig lesen sich die Portraits über mächtige Männer und ihren Narzissmus in Roger Schawinskis neuem Buch «Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern.» Schade nur, dass er uns Theorien zur übermässigen Selbstüberschätzung vorlegt und dabei die Quellen unterschlägt.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Sepp Blatter: Ein grosser Präsident, Lance der Scheinheilige, Daniel Vasella: die reine Geldgier. Jeder kennt diese Männer - sie sind berühmt, ungeheuer erfolgreich, haben Macht, steigen immer weiter auf. Doch wo endet ihr Streben nach oben? Roger Schawinski findet den gemeinsamen Nenner dieser Männer in der Hybris: eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder des Hochmuts, die schliesslich oft zum Fall führt. Roger Schawinski beschreibt den Sturz diverser bekannter Männer und schöpft dabei aus persönlichen Begegnungen und akribischer Recherche. Ein Interview mit dem bekannten Psychiater und Psychotherapeuten Mario Gmür rundet das Buch ab.

Der Buchtitel ist die beste Pointe

Wenn der Autor eines Buches kein Unbekannter ist, dann wird natürlich alles vor dem Hintergrund gelesen, dass wir ein Bild und eine Meinung haben über ihn. Und nicht zufällig sucht sich Roger Schawinski das Thema des Nazissmus aus für sein Sachbuch. Selber schreibt er in seinem neusten Werk:

«In fast jedem Gespräch zum Thema dieses Buches bekam ich zu hören, dass ich mich unbedingt auch zu meinem eigenen Narzissmus äussern solle, der zu meiner eigenen Verblüffung für andere ein viel sichtbareres Phänomen ist als für mich selber.»

Aber viel mehr Selbstreflektion als diese Sätze dürfen wir vom Rest des Buches nicht erwarten.

Wenn ich Expertenwissen möchte, dann lese ich Fachliteratur

Aber nicht Roger Schawinskis Buch über Narzissmus. Dort erfahre ich leider keine neuen Erkentnisse über Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstruktur. Das erwarte ich aber auch nicht von einem Medienpionier wie Roger Schawinski es ist. Schade nur, dass er sich nicht einfach auf die Portraits mächtiger Männer beschränken konnte. Weil das kann er eigentlich ganz gut. Er schöpft aus seinen vielen Begegnungen und Gesprächen und da erfahre ich brisante Details über das Privatleben von Daniel Vasella und Konsorten.

Die Quelle bin ich!

Am Montag erschien das Buch. Am Dienstag schrieb die Presse, dass Roger Schawinski auf sorgfältiges Zitieren verzichtet habe. Das überschattet jetzt die Lektüre des Buchs. Aber es wird wieder über Roger Schawinski gesprochen. Die Aufmerksamkeit also garantiert. Dabei hätte Roger Schawinski doch für einmal zeigen können, dass er es besser weiss und besser kann, schliesslich hat er einen Doktortitel und weiss, was wissenschaftliches Schreiben meint.

Roger Schawinski
Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern.
Kein & Aber Verlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5749-4

Autor/in: Nora Zukker