Mit Scharm, Schnauz und Melone

Charlie Chaplin hat das 20. Jahrhundert mit seinen Filmen geprägt wie kein anderer Darsteller und Produzent. Was man gemeinhin aber nicht weiss: Er ist in seinen letzten Lebensjahren auf einen Handel um Leben und Tod eingegangen.

Fabio Stassi: Ein Pakt fürs Leben (Kein&Aber)
Bildlegende: Fabio Stassi: Ein Pakt fürs Leben (Kein&Aber)

So will es jedenfalls der italienische Autor Fabio Stassi (*1962 auf Sizilien) im biografischen Briefroman «Ein Pakt fürs Leben». Von 1971 an wird Chaplin immer an Weihnachten von einem Kerl besucht, der hier gar nicht mal so unsympathisch daherkommt: Dem Tod.

Sie machen einen Deal: Bringt Chaplin den Tod zum Lachen, lässt er ihn ein weiteres Jahr leben. 1977 ahnt Chaplin, dass ein finales Treffen ansteht und es drängt ihn danach, seinen wahren Lebenslauf festzuhalten - und zwar in einem Brief an seinen jüngsten Sohn.

Die Gespräche mit dem Tod und der formvollendete Brief, in denen die Lebensfakten des Multitalents Chaplin in schillerndschöne Wortmäntel gehüllt werden, sind eine aufregende Kombination. Und ehe man es sich versieht, hat einen der Text, der zum Beispiel davon erzählt, wie Chaplin schon als Kind auf der Bühne gestanden ist oder wer das Medium Film wirklich erfunden hat, fest im Griff.

Fabio Stassi ist ein Buch gelungen, das mit seinen verschiedenen Zeit- und Stilebenen überzeugt und die Leser in einen faszinierenden Künstlerkosmos saugt, den es so - oder zumindest ganz ähnlich - gegeben hat.

Leseprobe, Seite 17:

Corsier-sur-Vevey, 24. Dezember 1977

Lieber Christopher James

heut Abend werde ich im Kreis meiner Familie mein achtundachtzigstes Weihnachtsfest feiern, wie ich es auch in den letzten Jahren getan habe, und die Geschichte, die ich hier niederschreibe, soll mein Geschenk an dich sein. Ich stehe in deiner Schuld und kann sie doch nicht mehr begleichen. Du bist das letztgeborene meiner Kinder, ich habe dich gezeugt, als ich bereits über siebzig war. Jetzt bist du gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Du wirst ohne mich erwachsen werden. Deshalb muss ich mich jetzt sputen, bevor mein Ableben auf dem ganzen Erdenrund für Aufsehen sorgt. (...) Seit sechs Jahren bekomme ich an jedem Heiligabend Besuch von Gevatter Tod. Er setzt sich vor mich hin und wartet ab, was ich tue. Dann ziehe ich meine Vagabundenklamotten an und führe eine meiner alten Nummern für ihn auf. Muss er lachen, schenkt er mir ein weiteres Lebensjahr. Das ist unsere Abmachung.

Fabio Stassi: Ein Pakt fürs Leben
Kein&Aber Verlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5677-0

Autor/in: Tanja Kummer