Panikattacke im Prada-Pullover

Margaritas mit zerstossenem Aspirin, Prince-of-Wales-Cocktails in der Kronenhalle und dazwischen eine Save-the-Date Einladung für eine Promibeerdigung bekommen - So lebt die Schickeria von Zürich. Philipp Tingler schaut da hin, wo diese Gesellschaft wegschaut - In die Seele.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

"Ich bin aufgewachsen in einer Sphäre, wo man nicht mal sagt, was man denkt, wenn das Haus in Flammen steht", erklärt Lauren ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Oskar Canow. Denn Oskar will eine Therapie machen. Allerdings nicht für sich selbst, sondern anstelle seines Freundes Viktor, der wiederum von seiner Ehefrau Mildred dazu genötigt wird. Philipp Tinglers neuester Roman begleitet nicht nur Oskar Canow in das Behandlungszimmer von Doktor Leonid Hockstädder, Psychohilfe der besseren Kreise, sondern seziert die gute Gesellschaft, ein Milieu, in dem die Gesichter mit Hyaluronsäure gefüllt sind, Partygeschwätz das Leben ersetzt und der Psychotherapeut kleine Aufwallungen des Gemüts zu glätten hat wie der Schönheitschirurg die Haut. Die Herzen aber sind leer. Oder doch nicht? Ein sprachlich fulminantes Meisterwerk, amüsant und unterhaltsam, reich an Geist und Tempo!

Leseprobe

Luella, Laurens Freundin aus ihren Schultagen in Frensham Heights, war eine Erscheinung, die von den meisten Menschen in ihrer Gesellschaft als "larger than life" apostrohiert wurde. Sie trug eine gewaltige Frisur aus ondulierten falschblonden Locken, scharfkantig und trocken wie Sägespäne, und dazu im Mund das, was man in Oskars Kreisen "die volle Hollywood-Garnitur" nannte, also eine geschlossene Phalanx makelloser, quadratischer vollkommen regelmässig stehender Zähne, deren leuchtendes Weiss mit der Bräune des Gesichts konstratierte, die immer noch so tief und falsch war wie auf Millvinas Trauerfeier. "Wer ist es?", rief Lauren aus der Tiefe des Hauses. "Ich weiss es nicht", rief Oskar über seine Schulter zurück, "etwas, was aussieht wie Donatella in ihrer Winterhaut." Worauf Luella einen schreiartigen Lacher vom Stapel liess. "Oskar", keuchte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung, "du bist zu komisch!" Lauren tauchte auf. "Sweetie", sagte sie und umarmte Luella, "was machst du denn hier? Was ist dir passiert? Du siehst ganz aufgelöst aus!" "Sie sieht doch aus wie immer", warf Oskar ein. "Ich könnte in der Tag einen Drink gebrauchen", erklärte Luella, "oder ein paar Tabletten. Stellt euch vor: Meine russische Augenbrauenlady wurde ermordert.." "Ich wette, das ist eine lange Geschichte", sagte Oskar. "..und zwar von einer Rolltreppe", fuhr Luella fort. "Sie wurde von einer Rolltreppe zerquetscht." "Good heavens!" "Genau. Wer bitte soll mir jetzt die Augenbrauen machen? Ludmilla war die Beste. Hiess sie Ludmilla? Oder Anastasia. Keine Ahnung. Ich musste mir Luft aus dem Eisfach zufächeln, so geschockt war ich!"

Philipp Tingler

Tingler studierte Ökonomie und Philosophie an der Hochschule St. Gallen (HSG), an der London School of Economics und der Universität Zürich und arbeitete am Institut für Wirtschaftsforschung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Er ist ehemaliger Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und war 2002 Mitherausgeber einer wirtschaftlichen Fallstudie. An der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich promovierte er zum Werk Thomas Manns.

Neben Beiträgen in Anthologien veröffentlicht Tingler Artikel, Essays und Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften (u.a.Vogue, Stern, Neon und NZZ am Sonntag). Ausserdem schrieb er Beiträge für Hörfunk und Fernsehen (WDR, Schweizer Radio und Fernsehen). Zurzeit ist er Kolumnist beim Zürcher Tages-Anzeiger und für Business Punk. Seit September 2014 diskutiert Tingler als Literaturkritiker über Klassiker und Neuerscheinungen in der Sendung Literaturclub des Schweizer Fernsehens.

Aufgepasst: Am 8. September 2015 findet die Buchpremiere im Zürcher Kaufleuten statt. Moderation: Viktor Giacobbo

Schöne Seelen
Roman
Kein & Aber Verlag, 332 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5723-4

Autor/in: Nora Zukker