Spitzeltango

Emil Zopfi hält in einem vor Wortreichtum funkelnden Roman das Früher und das Heute fest und erzählt gleichermassen liebevoll und unsentimental von der 68er Bewegung in der Schweiz

Emil Zopfi: Spitzeltango.
Bildlegende: Emil Zopfi: Spitzeltango. PD

Robert, Hermi und Pippo sind ehemalige Genossen und haben während der 68er Bewegung mächtig mitgemischt und gegen Autorität und für Freiheit gekämpft. Sie planten sogar ein Attentat, das zwar nicht stattgefunden, vor allem für Robert aber doch tragische Folgen hatte, die ihn bis heute prägen.

In der Heutzeit erfahren sie, dass ihr damaliger Anwalt gestorben ist. Sie glauben nicht, dass es ein natürlich Tod war und raufen sich noch einmal zusammen. Aber - die Zeiten sind nicht mehr wie früher und vor allem - sie sind nicht mehr so, wie sie waren.

Spitzeltango ist weder Loblied noch Abgesang auf die 68er Bewegung, sondern ein wunderbar unterhaltender und prägnant  formulierter Roman über eine wichtige Zeit, über Mut und den Aufbruch, aber auch über Desillusionierung und das Älterwerden. Zürichkenner freuen sich über den Lokalkolorit, Zürichferne über die atmosphärischen Beschreibungen.

Für all jene, die so gut schreiben lernen möchten, wie Emil Zopfi das kann, haben wir bei ihm drei Schreibtipps eingeholt - sie sind im Audio nachzuhören.

Leseprobe, Seite 57:

Sie setzten sich auf eine Bank mit Lederpolster in einer Ecke der Cafébar. Aus Leder genäht war auch eine Nashornpuppe über dem Eingang. Was diese Figur zu bedeuten hatte, konnte sich Robert nicht erklären. Kunst oder politische Metapher? Nashörner stürmten blind voran, wenn sie in Wut gerieten, und sie waren vom Aussterben bedroht.

Die Stühle schienen noch die gleichen zu sein wie früher, als das Volkshaus einem Wartesaal glich. Arbeiter, Gewerkschafter, Parteifunktionäre, Arbeitslose sassen herum, diskutierten mit Studenten, die den Kontakt zur Basis suchten. Alle schienen auf etwas zu warten, auf Arbeit, auf bessere Zeiten, auf den Umsturz, die Neue Zeit, die klassenlose Gesellschaft. Lenin wartete hier auf den Zug, der ihn nach Sankt Petersburg und zur Revolution in Russland führte. Die Bar mit Spirituosen vor Spiegeln hatte es noch nicht gegeben, aber vielleicht den Kronleuchter, der zwischen schwarzen Lüftungsrohren und Leuchtstofflampen hing, so irritierend wie das lederne Nashorn.

Emil Zopfi: Spitzeltango
Limmat Verlag, 204 Seiten
ISBN: 978-3-85791-729-5

Autor/in: Tanja Kummer