Thomas Melle: Sickster

Was passiert, wenn ein Mensch keinen Zugang mehr dazu hat, wer er selber ist und was er will und sich komplett im Aussen verliert? Er wird krank. Darüber schreibt der 1975 in Bonn geborene Thomas Melle in seinen Debütroman und knöpft sich drei Beispiele vor.

Um sich im täglichen Wahnsinn einer Grossstadt wie Berlin Gehör zu verschaffen, muss man hart, laut und cool sein. Daran haben sich Magnus, Thorsten (die sich von früher kennen und aus beruflichen Gründen wieder aufeinander treffen) und Laura gewöhnt und nicht nur das: Sie machen mit. Und zahlen den Preis dafür: Magnus zerbricht an der Gleichgültigkeit der Masse, Thorsten trinkt rund um die Uhr und Lauras Psyche spielt Spielchen mit ihrer Besitzerin.

Vom Irrweg abbringen

Jeder der Drei ist ganz anders, trotzdem taumeln alle im selben Teufelskreis: Sie sind traurig und müde, haben den Zugang zu dem, was sie ausmacht, verloren, gleichen sich der Öffentlichkeit an und agieren exzessiv, sind unersättlich, was sie ermüdet und - traurig macht. Es könnte ewig so weitergehen, wäre Autor Melle nicht derart beweglich: Er bringt seine Figuren auf erstaunliche Weise von ihren Irrwegen ab.

Berührende Romantik

Die Beklemmung, die der Roman auslöst, zerreisst der Autor damit, dass er für seine Figuren verschiedene Schreibstile wählt und zwar gekonnt unzuverlässig. Ungewöhnlich ist auch die unverhofft-kommt-oft lakonische und doch auch berührenden Romantik, wie hier, im Ausgang aus dem Buch: «Der Himmel malte. Mit dem Sfumato des hellblauen Äthers grundierte er den Abschied vom Tag. Ein Zirrus-Pinselstrich hatte etwas Bewegung in den Blickwinkel gefuchtelt. Links zerfaserte ein Jetstream.»

Autor/in: Tanja Kummer