Tierisch menschlicher Bestseller aus der Westschweiz

Das Must-Read der jüngeren Westschweizer Autorenära ist der 300-seitige Monolog «Von wegen den Tieren». Das Original «Rapport aux bêtes» (Edition Gallimard Paris, 2002) wurde von Noëlle Revaz verfasst, die 1968 in Vernayaz (Wallis) auf die Welt gekommen ist.  

Andreas Münzner, der selber Schriftsteller ist, hat den Monolog von Bauer Paul, dem Ich-Erzähler, in eine sich drehende und wendende deutsche Kunstsprache übersetzt, die stets authentisch bleibt und für sich selber spricht:

«Wenn ich vorne am Morgen hinausgehe, stürze ich schon einmal ein Gläschen und die Dinge greifen eins ins andere wie beim Stroh. Zuerst habe ich ein verdrücktes Gesicht und Knoblauch im Atem und kann's nicht haben, wenn mir jemand um die Beine streicht wie die Welpen, denen der Geifer hinunterläuft. () Die Vulva trödelt noch herum, sie schrubbt sich in der Ecke und trocknet sich ab in der Küche.»

Die Einfachheit eines komplizierten Menschen

Paul reduziert seine Frau auf ihr Geschlecht, darum nennt er sie Vulva. Vereinfachung ist für Paul geradezu überlebensnotwendig und darum drückt er das Leben gewaltvoll ins Schwarzweisse:

Es gibt das Vieh und den Menschen, das eine gilt es zu nutzen, das andere muss sich nützlich machen. Wenn das jemand in Frage stellt, kann Paul nur mit Schlägen antworten. Seiner Ansicht nach gibt es die Arbeit und den Schlaf, aber keine unklaren Zustände wie Müdigkeit oder Krankheit.

Vulva wird aber krank. Doch der Portugiese Georges, der als Gastarbeiter auf den Hof kommt, beschallt Paul so lange mit Zwischentönen, dass Paul sich zu verändern, ja, man muss sagen: zu vermenschlichen beginnt.

Vom Buch auf die Leinwand

Auch die Westschweizer Regisseurin Séverine Cornamusaz hat «Von wegen den Tieren» gelesen. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, das Leben ihrer Grossmutter filmisch festzuhalten, aber das Vorhaben wollte sich einfach nicht in Drehbuchform bringen lassen, wie sie im Interview, das auf der DVD des Filmes «Coeur Animal» zu geniessen ist, sagt.

Die Geschichte von Paul und Vulva erinnerte sie aber in der Grundlage ans Leben ihrer Grosseltern und so adaptierte das Buch. Ihr Film «Coeur Animal» (2009) sei eine sehr freie Adaption, betont Séverine Cornamusaz und das merkt man als KonsumentIn beider Werke schnell. Aber unabhängig davon sind Buch wie auch Film absolut empfehlenswert, beide sind auf ihre Art eindringlich.

Im Buch ist die Sprache von Paul gewaltig, im Film die Darstellung von Paul durch den französischen Schauspieler Olivier Rabourdin. Beide Westschweizer Werke wurden ausgezeichnet, das Buch zum Beispiel mit dem Preis der Schiller-Stiftung, der Film «Coeur Animal» mit dem «Quartz 2010» für den besten Schweizer Film.