Ursula Priess «Mitte der Welt»

Die 1943 in Zürich geborene Autorin hat in den 90er Jahren in Istanbul gelebt und ging offenbar mit neugierig-offenem Blick durch die schätzungsweise 14 Millionen-Metropole.

«Mitte der Welt» von Ursula Priess ist ein Muss für Langsamleser.
Bildlegende: «Mitte der Welt» von Ursula Priess ist ein Muss für Langsamleser. btb Verlag

 

Mit literarisch versierter Schreibsprache hat Ursula Priess ihre Entdeckungen in an Porträts erinnernden Schilderungen festgehalten. Auch historische Exkurse finden sich in den aussagekräftigen Zeilen über Istanbul, dessen Altstadt zum Unesco Weltkulturerbe gehört.

Töne einfangen, Menschen sichtbar machen

Mit der ersten Erzählung werden die Leser zur Aya Sofia geführt, der berühmten Kirche, die heute ein Museum ist. Und so werden in den Texten immer wieder Bauten und Orte erwähnt, die man, wenn man noch nie in Istanbul war, sicher vom Hörensagen kennt.

Aber in erster Linie wird nicht Istanbul vorgestellt, sondern die Menschen, die dort leben. So fängt die Autorin den Ton ihres Vermieters genau so ein wie die Stimmen einer Frauenrunde im Hamam. Vom Wasserträger über den Kioskverkäufer hin zur Frau, die der Liebe wegen nach Istanbul gekommen ist, werden Menschen und ihre Geschichten sorgfältig sichtbar gemacht.

Die Menschen, die Istanbul ausmachen

Die Lektüre braucht nicht als zwingend nötige Vorbereitung auf eine Reise nach Istanbul verstanden zu werden, aber als Reiselektüre eignet sich das Buch bestens, denn es verlangt Zeit vom seinem Leser. Nicht, weil es sehr dick oder kompliziert ist, sondern weil es nicht erst Istanbul vorstellt und sich dann nach dessen Bewohner erkundigt, sondern weil es die Menschen vorstellt, die in Istanbul wohnen und damit ein Gefühl dafür gibt, was Istanbul sein kann.

Darum ist «Mitte der Welt» ist ein Muss für Langsamleser. Um die verschiedenen Seiten der Menschen, die in Istanbul leben kennenzulernen, lohnt es sich, Seite um Seite langsam umzublättern.

Autor/in: Tanja Kummer