Von zwei Toten und der Kunst

Wenn zwei interessante Geschichten miteinander verwoben werden, kann nur eines entstehen: Ein packendes Buch!

J.R. Bechtle: Hotel van Gogh
Bildlegende: J.R. Bechtle: Hotel van Gogh

Vincent van Gogh? Ja, das ist der Maler mit den Sonnenblumen, der in den Niederlanden geboren wurde und in Frankreich jung gestorben ist, mit 37. Er hat sich umgebracht. Über die Gründe kann man rätseln. Neue Theorien wollen sogar wissen, dass er ermordet wurde. Sicher ist, dass van Gogh zu Tode betrübt war, weil sich seine Bilder nicht verkauft haben und er von seinem Bruder Theo finanziert werden musste. Gestorben ist er im kleinen Städtchen Auvers-sur-Oise.

Im Sterbezimmer von van Gogh findet man am Anfang des Buches den toten Arthur Heller, ein Mittfünfziger aus Deutschland. Er hat seine Unternehmerkarriere vor zehn Jahren aufgegeben, um in Paris seinen Traum zu leben und Schriftsteller zu werden. Das Ergebnis sind verschiedene Manuskripte, an einem zeigt sich ein renommierter Verlag ausserordentlich interessiert. Das alles ist in seinem Tagebuch nachzulesen, das nach seinem Tod gefunden wird. Es verrät ausserdem, dass Heller darüber nachdachte, über Johanna van Gogh zu schreiben, die Schwägerin von Vincent.

Sabine ist die Nichte von Arthur Heller, hat mit ihrem Onkel aber schon lange nichts mehr zu tun gehabt. Sein Tod kommt ihr quer - denn sie muss nach Frankreich fahren, um ihn zu identifizieren, dabei wäre sie lieber mit ihrem Freund nach Sylt. Doch es dauert nicht lange, bis ihr viele Sachen, die Heller's Tod betreffen, seltsam vorkommen. So macht sie sich auf, den ungeklärten Todesfall aufzulösen.

Der Autor J.R. Bechtle veröffentlicht diesen - seinen ersten - Roman mit 70. Sicher hat er lange an diesem Buch gearbeitet, das in verschiedenen Städten und auf unterschiedlichen Zeitebenen spielt. Das Personal ist gross, die Geschichte verstrickt, manchmal erdrückt die Dichte die Lebendigkeit der Figuren und das Lektorat ist nicht über alle Zweifel erhaben. Grundsätzlich ist das Buch aber ein Schmankerl, insbesondere dank der einfach strukturierten Sätze.

Leseprobe, Seite 37, Kapitel 3:

Sabine Bucher greift verschlafen zum Telefon auf dem Nachttisch. Dabei streift ihr Blick den Wecker, es ist kurz nach acht. Vergangene Nacht ist es spät geworden und heute, an ihrem ersten Urlaubstag, wollte sie erst einmal gründlich ausschlafen. Sie hat gleich ein ungutes Gefühl.
«Madame Bucher?»
Der Mann spricht Französisch. Büscher. Einer ihrer Mandanten hat wohl Probleme in Frankreich, denkt sie, während sie sich im Bett aufrichtet. Als ob man damit nicht bis zu einer christlicheren Zeit warten könnte! Als Anwältin ist man ja schliesslich auch noch Mensch.
«Hier ist die Polizei von Auvers-sur-Oise, Gendarm Crosnier. Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Kennen Sie einen Arthur Heller?»
«Ja, das ist mein Onkel. Aber warum rufen Sie mich an?»
Sie hat den Kontakt zu ihm verloren, seit er vor zehn Jahren in eine Lebenskrise geriet und sein Unternehmen verkaufte, um Schriftsteller zu werden.

Er lebt in Paris, soviel sie weiss.
«Er wurde hier heute Morgen tot aufgefunden. Es tut uns leid, Ihnen diese Mitteilung zu machen. Er trug Ihre Anschrift bei sich. Wir bräuchten möglichst schnell einige Hinweise zur Person. Ja und könnten Sie bitte nach Auvers-sur-Oise kommen, um ihn zu identifizieren, am besten noch vor der Obduktion.»

Sabine ist plötzlich hellwach.

J.R. Bechtle: Hotel van Gogh
Frankfurter Verlagsanstalt, 316 Seiten
ISBN: 978-3-627-00190-2

Autor/in: Tanja Kummer