Wie der Vater - so der Sohn

Joe Hill ist der Sohn von Stephen King, dem Altmeister des Schreckens. Mit «Christmasland» legt Hill einen Horrortrip der Extraklasse vor.

Joe Hill: Christmasland (Heyne)
Bildlegende: Joe Hill: Christmasland (Heyne)

Im 800seitigen Werk entführt der alte Charlie Manx Kinder und bringt sie nach «Christmasland» - und zwar mit einem Rolls Royce. An diesem Ort, verspricht er ihnen, ist jeden Tag Weihnachten. Dass die Kinder dort aber schreckliche Dinge durchmachen müssen, können sich King-LeserInnen lebhaft vorstellen.

Joe Hill zeigt sich als Meister der Spannung, der fantasie- und grauenvollen, aber immer vorstellbaren Bildern und gewagten Wendungen. Er ist ein grossartiger Erzähler, der einen das Gruseln lernt wie sein Vater. Seinem grausamen Charlie Manx stellt er eine Frauenfigur gegenüber, die gute Chancen hat, in die Buchgeschichte einzugehen, so wie Annie Wilkes aus Stephen Kings Bestseller «Misery», die in der Verfilmung von Kathy Bates gespielt wurde. 

Leseprobe, Seite 184, Vic ist mit ihrem Rad über eine Brücke geradelt, die immer an einem anderen Ort endet. Dort sieht sie den besagten Rolls Royce, darin schläft ein Junge:

He Junge, zischte sie. Junge, wach auf.
Der Junge regte sich. Dann setzte er sich auf und blickte zu ihr hinüber. Als Vic sein Gesicht sah, musste sie einen Aufschrei unterdrücken. Etwas Ähnliches hatte sie noch nie gesehen. Der Junge im Auto schien dem Tode nahe - oder sogar schon darüber hinaus. Er hatte ein bleiches Mondgesicht mit dunklen Ringen unter den Augen. Schwarze, vergiftete Adern zeichneten sich unter seiner Haut ab, als wären sie statt mit Blut mit Tinte gefüllt. Sie verästelten sich krankhaft an seinem Mund, den Augen und den Schläfen. Sein Haar hatte die Farbe von Raureif an einer Fensterscheibe. Er blinzelte. Seine Augen leuchteten neugierig. Sie schienen das einzig Lebendige an ihm zu sein.

Joe Hill: Christmasland
Heyne Verlag, 800 Seiten
ISBN: 978-3-453-26882-1

Autor/in: Tanja Kummer