Zwölf Mal Juli

Jakob verlässt Juli. Ohne Erklärung, ohne Vorwarnung. Jahre vergehen. Dann kommt Jakob zurück. In zwölf Tagen. In zwölf Kapiteln erzählt Astrid Rosenfeld die Geschichte von Juli, die sich auf ein Wiedersehen vorbereitet, zu dem es keinen Abschied gegeben hat.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

«Liebe Juli, ich komme in zwölf Tagen. Bist Du da? Jakob.» Juli, eine Schriftstellerin mit Stapeln unbezahlter Rechnungen, exzentrischen Freunden und einer Neigung zu überlebensgrossen Träumen, bleiben zwölf Tage, bis sie Jakob wiedersieht den Mann, der ihr das Herz gebrochen hat. In dieser Zeit trifft sie auf zwölf Menschen. Das Porträt einer eigenwilligen jungen Frau in zwölf verrückten und skurrilen Begegnungen.

Jakob und Juli, das klang einmal wie ein Versprechen. Doch nun ist es schon Jahre her, dass er es gebrochen und Juli Knall auf Fall verlassen hat. Da kündigt Jakob per E-Mail seine Rückkehr an. In zwölf Tagen kommt er wieder. In diesen zwölf Tagen drängen sich Vergangenheit und Zukunft in Julis Gegenwart, und es begegnen ihr zwölf Menschen: ihre flatterhafte Mutter, ihr weiser Zahnarzt, ihr süchtiger Nachbar, ihr Literaturagent, ein Polizist, ihre pubertierende Cousine, ihr Messie-Vater, ihr bester Freund, die durchgeknallte Eier-Frau, ein seltsamer kleiner Junge, eine Peepshow-Tänzerin, und dann fehlt nur noch Jakob. In zwölf Begegnungen zeichnet Astrid Rosenfeld das Bild einer eigensinnigen jungen Frau, die herausfinden muss, wie man weiterlebt, nachdem eine grosse Liebe und grosse Träume in die Brüche gegangen sind und wie man weiterträumt.

Leseprobe

Mit sechzig Euro in der Tasche und einer Visa-Karte, deren Limit noch nicht ganz ausgereizt war, marschierte Juli los. Ein Kleid für ein Wiedersehen. Ein schönes Kleid. Morgen wollte sie schön sein. Vielleicht sollte sie auch zum Friseur gehen, eine Pediküre, neue Unterwäsche, endlich lernen, wie man sich schminkt. Nächsten Monat, wenn die Kreditkartenrechnung kam, würde die nette Dame von der Bank sowieso anrufen. Egal, ob Juli heute zehn Euro oder hundert oder fünfhundert ausgab. Ein Kleid für ein Wiedersehen. Zu gross. Zu gelb. Zu kratzig. Weiter. Ein schönes Kleid. Blau mit Blumen. Hellgrau mit dunkelgrauem Muster. Weiter. Morgen wollte sie schön sein. Schwarz kurz. Schwarz mittellang. Silber. Weiter. Gold. moosgrün. Schlammgrün. Nein. Nein. Nein. Raus. Pause. Kaffee - nicht zum Mitnehmen. Zum Hinsetzen. Das erste mal seit vielen Jahren verspürte Juli das Verlangen nach einer Zigarette. Jakob und sie hatten damals gemeinsam aufgehört. Sie hatte durchgehalten, weil er durchgehalten hatte. Er hätte auch ohne sie durchgehalten. Raus. Rein in den nächsten Kiosk.
Der Verkäufer sass auf einem Stuhl hinter dem Tresen, die Augen geschlossen. "Entschuldigung", sagte Juli leise. Keine Reaktion. "Hallo?" Er blinzelte. "Ich möchte was kaufen." Ein Seufzen, er schlug die Augen auf. "So, so. Du möchtest was kaufen." "Eine Marlboro, ein Feuerzeug und zehn Schlümpfe, bitte!" sagte Juli bestimmt.

Die Autorin

Astrid Rosenfeld wurde 1977 in Köln geboren. Ihr Berufsziel war, nach der Schule Schauspielerin zu werden, daher ging sie nach dem Abitur nach Kalifornien, um erste Berufserfahrungen am Theater zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland begann sie eine Schauspielausbildung in Berlin, die sie aber nach anderthalb Jahren abbrach. Anschließend war sie in verschiedenen Jobs in der Filmbranche tätig, so zum Beispiel als Casting Director für die Kinofilme «Muxmäuschenstill» und «Knallhart». Ihr Romandebüt «Adams Erbe» erschien im März 2011. Astrid Rosenfeld lebt in Berlin.

Astrid Rosenfeld
Zwölf Mal Juli
Diogenes Verlag, 160 Seiten
ISBN: 978-3-257-06935-8

Autor/in: Nora Zukker