«Die Reise nach Petuschki» von Wenedikt Jerofejew 1/10

«Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Geratewohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.»

Bahngeleise
Bildlegende: Wenedikt Wenitschka Jerofejew macht sich auf eine Reise, Schluck für Schluck. Reuters

Dieser Klassiker der russischen Moderne ist ein einziger Rausch.

Sein Köfferchen voll Schnaps fest ans Herz gedrückt, besteigt Wenedikt Wenitschka Jerofejew am Kursker Bahnhof den Vorortzug von Moskau nach Petuschki. Er will zu seinem Mädchen. Die Reise wird zu einer einzigen Sauftour: Wenitschka trinkt, die Mitreisenden trinken, sogar der Oberschaffner trinkt mit den Schwarzfahrern mit. Von Station zu Station und von Flasche zu Flasche werden Wenitschkas Monologe und sein Gedankenaustausch mit den Reisegefährten aberwitziger.

Wenedikt Jerofejew (1938-1990) studierte Geschichte und Literatur bis er von der Uni flog und sich fortan als Heizer, Wärter, in der Pfandflaschenannahme, als Milizionär, Strassenarbeiter und Monteur beim Fernmeldewesen durchs Leben schlug. Sein Meisterwerk «Die Reise nach Petuschki» entstand im Herbst 1969, wurde in Israel 1973 erstmals auf russisch publiziert und war erst 1988 - leicht gekürzt - in der Sowjetunion zu lesen.

Sie hören den Live-Mitschnitt der Lesung im Hamburger Literaturhaus am 27. Januar 1998.

Sprecher: Harry Rowohlt, Robert Gernhardt, Josef Bilous - Übersetzung: Natascha Spitz - Produktion: Kein & Aber 2001 - Dauer: 30

Redaktion: Susanne Heising