«Die Reise nach Petuschki» von Wenedikt Jerofejew 4/10

«Ich habe reiche Erfahrung im Kreieren von Cocktails. Zwischen Moskau und Petuschki trinken sie diese Cocktails bis heute, ohne den Namen des Autors zu kennen. Und Recht haben sie, dass sie trinken. Wir können von der Natur keine milden Gaben erwarten. Wir müssen uns nehmen, was wir brauchen.»

Dieser Klassiker der russischen Moderne ist ein einziger Rausch.

"Sein Köfferchen voll Schnaps fest ans Herz gedrückt, besteigt Wenedikt Wenitschka Jerofejew am Kursker Bahnhof den Vorortzug von Moskau nach Petuschki. Er will zu seinem Mädchen. Die Reise wird zu einer einzigen Sauftour: Wenitschka trinkt, die Mitreisenden trinken, sogar der Oberschaffner trinkt mit den Schwarzfahrern mit. Von Station zu Station und von Flasche zu Flasche werden Wenitschkas Monologe und sein Gedankenaustausch mit den Reisegefährten aberwitziger."

Wenedikt Jerofejew (1938-1990) studierte Geschichte und Literatur bis er von der Uni flog und sich fortan als Heizer, Wärter, in der Pfandflaschenannahme, als Milizionär, Strassenarbeiter und Monteur beim Fernmeldewesen durchs Leben schlug. Sein Meisterwerk «Die Reise nach Petuschki» entstand im Herbst 1969, wurde in Israel 1973 erstmals auf russisch publiziert und war erst 1988 - leicht gekürzt - in der Sowjetunion zu lesen.

Sie hören den Live-Mitschnitt der Lesung im Hamburger Literaturhaus am 27. Januar 1998.

Sprecher: Harry Rowohlt, Robert Gernhardt, Josef Bilous - Übersetzung: Natascha Spitz - Produktion: Kein & Aber 2001 - Dauer: 31'

Jerofejews berühmt-berüchtigte Cocktailrezepte

«Kanaanbalsam» oder «Braunbär» (ugs.)
100g Brennspiritus
200 dunkles Bier
100 g gereinigte Politur

Ein schwarzbraunes Bier von mässiger Stärke und beständigem Aroma. Das ist kein Aroma mehr, sondern eine Hymne.
Ich brauche euch ja nicht zu erklären, wie man Politur reinigt, das weiss ja jedes Kind. Komischerweise weiss in Russland niemand, wie Puschkin sich den Tod geholt hat, aber wie Politur gereinigt wird, das weiss jeder.

«Geist von Genf»
50 g Parfüm «weisser Flieder» (nicht Heckenrose, niemals Maiglöckchen)
50 g Anti-Fussschweiss-Puder
200 g Shiguli-Bier
150 g Spritlack

Dieser Cocktail besitzt zwar keinen Tropfen Majestät, dafür aber «Bouquet».

«Komsomolzenträne»
15g Lavendel
15g Eisenkraut
30g Rasierwasser „Fichtennadel
2g Nagellack
150g Mundwasser „Elixier
150 g Limonade
Die so zubereitete Mixtur muss 20 Minuten mit einem Zweig je länger je lieber gerührt werden.

Ein sonderbarer Cocktail mit intensivem Geruch. Zu trinken, wenn man die Schöpfung nicht mit Füssen treten will. Wenn man 100g davon trinkt, bleibt das Gedächtnis scharf, aber der g. trinkt man weitere 100g kann man sich nur noch wundern: woher kommt nur so viel gesunder Menschenverstand? Und wo ist nur das ganze Gedächtnis

«Schweinegekröse»
100g Shiguli-Bier
30g Haarshampoo «Nacht auf dem kahlen Berge»
70g Antischuppenmittel
30g Anti-Fussschweiss-Puder
20g Insektenbekämpfungsmittel

Alles zusammen lässt man unter Zugabe von Zigarrentabak 1 Woche lang ziehen.

Ein Getränk, das jedes andere in den Schatten stellt. Das ist kein Getränk mehr, das ist Sphärenmusik. Beginnt zu trinken. In grossen Schlucken. Bereits nach zwei Gläsern werdet ihr eine solche Vergeistigung an euch feststellen, dass man euch aus anderthalb Metern Entfernung eine halbe Stunde lang ohne Unterbrechung in die Fresse spucken könnte ohne dass euch das tangieren würde.

Redaktion: Susanne Heising