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Bei Süchtigen «Jungs, Mädels, warum zum Teufel macht ihr das?!»

In dieser Küche gibt es nicht nur leichte Kost: Mona Vetsch ist drei Tage in der Gassenküche und Kontakt- und Anlaufstelle Luzern. Dort trifft sie auf Suchtkranke, deren tägliches Leben durch die Drogen bestimmt ist.

Mona Vetsch mit Andi, einem langjährigen Besucher der Gassenküche Luzern
Legende: Mona Vetsch mit Andi, einem langjährigen Besucher der Gassenküche Luzern © Jutta Vogel

Mit welchen Gefühlen kamst du bei der Gassenküche an?

Ich war nervös. Man weiss ja nicht, was einem erwartet und wie die Leute drauf sind. Deshalb weicht man Süchtigen im Alltag oft aus, weil man sie nicht einschätzen kann.

Aber dann habe ich in der Küche mit Andi gearbeitet. Der hat seine Vergangenheit schonungslos auf den Tisch gelegt. Seit 30 Jahren drauf, immer wieder Entzüge und auch ein Gefängnisaufenthalt. Er hat mir die Tür in diese Welt geöffnet und mir vieles erklärt. Aber am Schluss kannst du Sucht wohl nicht verstehen, wenn du selber nicht süchtig bist.

Was ist die Gassenküche für ein Ort?

Einer, wo du als «Normalo» nicht reinkommst. Unten in der Gassenküche gibt’s Zmittag und Aufenthaltsräume. Im oberen Stock ist die Kontakt- und Anlaufstelle (K+A), wo unter strenger Aufsicht konsumiert werden darf, und die Leute medizinisch versorgt werden. Alles nur für registrierte Süchtige, da kann also nicht einfach jeder kommen.

Mona Vetsch mit den Gassenküchen-Besuchern Andi und Otti
Legende: Mona Vetsch mit den Gassenküchen-Besuchern Andi und Otti © Jutta Vogel

Warst du nicht schockiert, als du gesehen hast, wie die Leute Drogen konsumieren?

Das ist mir sehr schräg eingefahren, um im Drogenjargon zu bleiben. Besonders wenn ich junge Leute sah, die sich das Gift reinzogen. Man möchte sie am liebsten schütteln und sagen «Jungs, Mädels, warum zum Teufel macht ihr das?!». Aber das bringt nichts. Die Menschen, die in der K+A unter hygienischen Bedingungen Drogen spritzen, rauchen oder schnupfen, sind alle schwer süchtig. Und Sucht ist eine Krankheit. Die kurierst du nicht mit Appellen an die Vernunft.

Wie hast Du die Menschen dort erlebt?

Sehr offen – häufig allerdings erst, sobald die Kameras weg waren. Viele haben von sich aus das Gespräch gesucht und aus ihrem Leben erzählt. Sucht macht einsam. Eine Betreuerin, die seit 15 Jahren aufsuchende Gassenarbeit macht, sagte mir: «Die Sucht kommt immer an erster Stelle. Vor Freunden, vor dem Partner, vor der Familie – und letztendlich sogar vor dem eigenen Leben.»

Eine Begegnung, die Mona zusetzt: Drogenkonsument Otti gibt ihr einen Einblick in seine Lebensgeschichte
Legende: Eine Begegnung, die Mona zusetzt: Drogenkonsument Otti gibt ihr einen Einblick in seine Lebensgeschichte © Jutta Vogel

Macht man es den Süchtigen mit solchen Einrichtungen wie der K+A nicht zu leicht?

Süchtig sein ist nie«leicht». Und dieser Ort ist nicht nur für die Süchtigen. Er dient auch dem Interesse der Gesellschaft, von der «Szene» möglichst wenig beeinträchtigt zu werden und die Kriminalität im Schach zu halten.

Ein Fahnder der Luzerner Polizei hat mir gesagt, er sei selbstverständlich gegen Drogen, aber damit lasse sich das Suchtproblem nicht lösen. Sogar Länder, in denen Drogenbesitz unter Todesstrafe steht, haben ein Drogenproblem. Da sei es besser, wenn man die Szene unter Kontrolle hat wie in der Gassenküche und K+A. Das dünkt mich ein pragmatischer Umgang.

Mona Vetsch unterwegs auf der Gasse mit der aufsuchenden Sozialarbeit
Legende: Mona Vetsch unterwegs auf der Gasse mit der aufsuchenden Sozialarbeit © Jutta Vogel

Die Leute in der Sendung sind langjährige Drogenkonsumenten und eher älter. Entspricht das der Klientel, die sich dort aufhält?

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. In der Gassenküche K+A verkehren rund 450 registrierte Leute aus der ganzen Innerschweiz. Da sieht man alles: Alt und jung, Mütter und Väter, Berufstätige und Ausgesteuerte. Die meisten wollen aber nicht vor die Kamera, weil sie die Reaktion der Gesellschaft fürchten. Sucht hat auch viel mit Stigma und Scham zu tun. Und die, denen es schon besser geht, trifft man in der Gassenküche gar nicht mehr an.

Der Verein «Kirchliche Gassenarbeit» hat nebst der Gassenküche viele Angebote, um die Menschen auf ihrem Weg aus der Sucht zu begleiten: Sozialberatung, Betreuung bei finanziellen Problemen, Seelsorge oder Unterstützung von suchtbetroffenen Familien.

Was ist dir besonders geblieben?

Als ich mit Andi zusammen die «Gassenzeitung» verkaufte, bekam ich direkt zu spüren, wie Randständige behandelt werden. Man macht einen Bogen um dich, du bekommst abschätzige Blicke, wirst wie Luft behandelt. Das ist ein krasses Gefühl. Andi sagte dann, dass er sich in solchen Momenten als Mensch zweiter Klasse fühle. Das hat mir wirklich zu denken gegeben.

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