Zum Inhalt springen

Musik+ Bis zum letzten Ton: Sterbebegleitung mit Musik

Was ist am Ende eines Lebens wichtig? Für manche Menschen ist es die Musik. Ich war in einem Palliativ-Zentrum, wo todkranke Menschen gepflegt werden und habe eine Musiktherapeutin bei der Arbeit begleitet.

Ein leerer Sessel im Raum
Legende: Gekommen, um zu gehen. Milada Vigerova, Unsplash

Ich treffe Nicole Zehnder Dietler an einem sonnigen Nachmittag im Frühling. Die Musiktherapeutin arbeitet im Palliativ-Zentrum Hildegard in Basel. Im Café sitzen Patienten mit ihren Angehörigen. Essen, Trinken, Lachen. Wie in einem Café in der Stadt. Nur, dass die meisten hierhin kommen, um zu sterben.

Von den Pflegerinnen und Pflegern bekommen die Patienten Medikamente, die ihnen Schmerz und Leid nehmen sollen. Nicole Zehnder Dietler gibt ihnen mit der Musik das, was die Medikamente nicht können: Trost. Hoffnung. Die Kraft, loszulassen. Manchmal lindert die Musik auch körperliche Schmerzen.

Eleganz und Würde im Sterbebett

Ich darf sie zu einer Patientin begleiten. Ich schätze die Patientin auf etwa 70 Jahre. Sie hat schöne, gepflegte Hände. Rosa lackierte Nägel, ein goldener Ring am Finger. Eleganz und Würde im Sterbebett.

Nicole Zehnder Dietler nimmt ihre Leier hervor und spielt der Frau ein Lied. Ich traue mich nicht, die Patientin anzusehen. Sie liegt im Sterben und ich bin eine Fremde, die in ihrem Zimmer steht und vielleicht stört. Warum hat die Therapeutin die Leier gewählt?

Die Trommel hilft bei Menschen, die das Leben nicht loslassen wollen. Die Leier mit ihren hohen, sanften Tönen baut eine Brücke zum Himmel.
Autor: Nicole Zehnder DietlerMusiktherapeutin

Und was ist mit Menschen, die nicht an den Himmel glauben?

Nicht alle glauben an den Himmel. Oder wollen dort hin. Was ist mit solchen Menschen? Nicole Zehnder Dietler erzählt von einer Patientin aus einer anderen Kultur. Diese Frau habe sich tiefe Klänge gewünscht und sie habe diese Klänge stundenlang gespielt für sie.

Der Tod ist einer der persönlichsten Momente des Lebens

Viele Patienten sind zu schwach, um überhaupt noch zu sprechen. Woher weiss Nicole Zehnder Dietler, dass sie mit ihrer Musik überhaupt willkommen ist? Das Sterben ist ein sehr etwas Persönliches. Nicht alle wollen in diesem Moment von einer Therapeutin mit Musik begleitet werden. Es sei ein beobachten und vor allem ein Spüren, sagt Nicole Zehnder Dietler.

Ich frage mich immer, was besser ist: Soll ich bleiben oder gehen?
Autor: Nicole Zehnder DietlerMusiktherapeutin

Auch die Dame mit den schönen Händen ist zu schwach zum Sprechen. «Sie hat mir in die Augen geschaut und meine Hand gedrückt, als ich sie gehalten habe», sagt Nicole Zehnder Dietler. «Ich weiss nicht, ob ich sie nächste Woche wiedersehe», sagt die Musiktherapeutin. Wie ist das für sie, beruflich oft mit dem Tod konfrontiert zu sein?

Mit dem Tod kehrt eine grosse Ruhe ein, die vorher nicht da war.
Autor: Nicole Zehnder DietlerMusiktherapeutin

Nicole Zehndere Dietler verabschiedet sich von ihren verstorbenen Patienten. Sie besucht die Zimmer mit den leeren Betten und singt für ihre Patienten und nimmt so von ihnen Abschied.

Eine Reportage aus dem Palliativ-Zentrum Hildegard gibt es links zu hören. Nicole Zehnder Dietler zeigt in dieser Reportage, wie Musiktherapie genau funktioniert.