Schwiizer Reis: Ein Dorf namens Licht

Lü: So kurz wie sein Name ist, so hoch liegt das Dorf: 1935 Meter über Meer. Obwohl Lü Licht heisst, ist es hier in der Nacht besonders finster, und das gefällt den Sternguckern. Reisereporter Dres Balmer greift nach den Sternen.

Kirche Lü, im Hintergrund der Ortlermassiv.
Bildlegende: Kirche Lü, im Hintergrund der Ortlermassiv.

Im Val Müstair sind wir schon ziemlich hoch, doch da wollen wir noch höher reisen. Der Grund ist der Name eines Dorfs. Lü heisst es. Lü, was für ein kurzer, schöner Name! Lü heisst Licht. Ein Dorf mit dem Namen Licht muss etwas Besonderes sein.

Magisches Panorama

Weil wir die Uhr vergessen haben, verpassen wir am Morgen im Tal das Lü-Postauto, und das ist gut. Wir spazieren von Tschierv auf dem Weg die linke Talflanke leicht aufwärts, über stille Weiden, durch duftende Arvenwälder. Eine Stunde später erreichen wir die Landschaftsterrasse von Lü, die vor uns ein mächtiges Panorama öffnet. Es ist magisch. Wir gehen direkt auf das Ortler-Massiv am Horizont zu, glauben plötzlich schwerelos zu werden. Diese helle, hohe Weite hier oben löst im Besucher überirdische Gefühle aus.

Hirschfleisch im Hirschen

Da wird es wieder irdisch. Wir sind nämlich hungrig und kehren ein im Dorfgasthaus Tschierv. Tschierv bedeutet Hirsch, also sind wir im Gasthaus Hirschen. So lernen wir ein bisschen romanisch. Lü und Tschierv. Der Hirsch ist in Graubünden ein wichtiges Tier. Unser Dorf im Tal heisst Hirsch, wir sitzen im Hirschen, und wir essen eine Hirschwurst. Die Wirtin erklärt, dass es im trockenen und windstillen Mikroklima des Val Müstair nie Nebel gibt, dass die Sonne an 250 Tagen im Jahr scheint und es in 150 Nächten keine Wolke am Himmel gibt. Das Dorf heisst Lü/ Licht, doch seine Nächte sind besonders dunkel, weil kein zivilisatorischer Lichtsmog aus der Umgebung die wahre Dunkelheit stört.

Ein Dorf greift nach den Sternen

Es ist deshalb kein Zufall, dass im Jahr 2009 gerade hier das «Alpine Astrovillage Lü-Stailas» gegründet wurde, eine Sternwarte mit drei Kuppeln, von welchen aus Amateur-Astronominnen und Astronomen nach Anmeldung die Sterne im All bewundern können. Das Observatorium heisst Lü-Stailas, und der Name ist unsere dritte Romanisch-Lektion. Stailas heisst Sterne. Lü greift also nach den Sternen, und wir dürfen es miterleben.

Autor/in: Dres Balmer, Redaktion: Christine Gertschen