Schwiizer Reis: Schöllenen des Südens

Der berühmteste Alpenpass Gotthard hat weitreichende wirtschaftliche Folgen, die hinterlassen Spuren. Im Norden sind sie bekannt, im Süden sind sie zu entdecken. Reisereporter Dres Balmer unterwegs Richtung Süden.

«Strada urana» in der Piottino-Schlucht.
Bildlegende: «Strada urana» in der Piottino-Schlucht.

Für die Leventina-Fahrt nehmen wir das Velo und fahren talauswärts, also bergab, umso lieber, als uns der Nordföhn, der «favonio», den Rücken liebkost. Eine Mitfahrerin, die das Tessin kennt, wird frech: «Da fährt man vor Allem an Fussballplätzen und Kläranlagen vorbei». Die Reise zeigt aber auch die Geschichte des Verkehrs. Drei Ströme begleiten uns: Der Ticino führt Wasser, über die Autobahn wuseln die Autos, und die SBB-Schienen biegen sich unter den Eisenbahnzügen mit Menschen und Gütern. Das ist die Gegenwart.

Ausflug in die Vergangenheit

Zwölf Kilometer nach Airolo, kurz unter Rodi-Fiesso, machen wir einen Ausflug in die Vergangenheit. Hier, an der Verengung des weiten Tals zur engen Schlucht, steht der Dazio Grande, die alte Mautstation. An diesem unvermeidlichen Engpass hatten alle Gotthardfahrer der Urner Obrigkeit die Weggebühr zu entrichten. Der Dazio aus dem 16. Jahrhundert ist restauriert worden und enthält ein gutes Museum.

Hier lassen wir die Velos stehen und spazieren über Kopfsteine hinunter in die Piottino-Schlucht. Die kleinen Serpentinen der alten Saumstrasse fügen sich harmonisch in die enge Schlucht, unten sucht sich das Restwasser des Tessin rauschend einen Weg durch die Felsen.

Ein Stück Verkehrsgeschichte

Die Piottina-Schlucht samt der Dazio-Mautstelle ist das südliche Gegenstück zur Schöllenen im Norden und zeigt, wie geschäftstüchtig die Gotthard-Urner auch südlich der Alpen waren. In die Schöllenen drängen täglich Hunderte Neugierige, hier sind wir die einzigen Besucher. Dabei ist diese Anlage ein Meisterwerk der Strassenbaukunst, ein Monument der Verkehrsgeschichte, das mit einer kleinen Kapelle an einer der obersten Kehren auch ein religiöses Element enthält. Die Menschen waren sich früher bewusst, wie prekär das Reisen sein kann. Hoffentlich funktionieren unsere Velobremsen gut bei der Abfahrt nach Faido.

Autor/in: Dres Balmer, Redaktion: Christine Gertschen