Pflanzen wie Menschen?

  • Donnerstag, 28. März 2019, 20:05 Uhr, SRF 1
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 28. März 2019, 20:05 Uhr, SRF 1
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    • Freitag, 29. März 2019, 1:45 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 29. März 2019, 11:20 Uhr, SRF 1
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In unserer Aufmerksamkeit führen Pflanzen buchstäblich ein Stiefmütterchen Dasein. Aber immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, dass wir ihnen damit Unrecht tun. Ein neuer Blick auf die grünen Zeitgenossen gibt nicht nur Vegetariern zu denken.

Nur weil sich Pflanzen scheinbar selten aktiv bewegen, gelten sie als tumb und unempfindlich: In unseren Augen vegetieren sie buchstäblich vor sich hin. Ohne dass wir Äusserungen von Pflanzen wahrnehmen, sprechen wir ihnen seit Jahrhunderten höhere Eigenschaften von Lebewesen ab: Wir glauben nicht, dass sie untereinander und mit ihrer Umwelt aktiv kommunizieren, und wer sagt, dass sie Verwandte erkennen oder Freund und Feind unterscheiden können, wird schnell ins Reich der Esoterik verbannt.

Bäume leben von Luft
Doch wer genau hinschaut, erkennt schnell, dass Pflanzen Wunder der Natur sind. Ein Baum löst täglich im Kleinformat die logistischen Probleme einer Millionenstadt: In den Blättern braucht er Wasser aus dem Boden, das von Milliarden von Wurzelhaaren aufgenommen und über tausende von Hochdruckleitungen durch eine Art Supervakuum auf bis zu 30 Meter Höhe in die Kronen gesaugt wird. Triebe in luftiger Höhe verlangen Mineralstoffe für das Wachstum, das aus den Wurzeln in alle Teile des Baumes transportiert wird. Umgekehrt produzieren die Blätter wie eine ultramoderne Fabrik mit Hilfe von Sonnenenergie und aus CO2-Gas in der Luft organisches Material, das zum Aufbau, zum Wachstum und zum Funktionieren dieses Organismus benötigt wird. Die so hergestellten Zuckermoleküle wandern im Baumstamm abwärts und versorgen die Wurzeln und ihre Verbündeten, die Pilze, mit notwendigen Nährstoffen. Doch die Logistik in diesem gewaltigen, hochkomplizierten Superorganismus ist noch lange nicht alles.

Fühlende Wesen
Immer mehr Forschungsergebnisse bringen an den Tag, dass Pflanzen fühlende Wesen sind, die ihre Umgebung sehr präzise Wahrnehmen, nach ihren Bedürfnissen und nach Umwelteinflüssen reagieren und sinnvoll und effizient handeln. Wenn Birken von Schmetterlings-Raupen angegriffen werden, scheiden sie Duftstoffe aus, die die Bäume in der Nachbarschaft alarmieren und die über den Geruch gleichzeitig Vögel – die Feinde der Raupen - auf den Plan rufen. Unter der Erde verbünden sich die Wurzeln der meisten Bäume mit speziellen, feinen Pilzgeweben, die für sie Nährstoffe aufbereiten und transportieren und die sie dafür mit Kohlenstoff versorgen. Und Pflanzen bewegen sich doch! Erst der Zeitraffer enthüllt ihre Bewegungen durch Wachstum und durch Druckveränderungen ihrer Zellen. Sie orientieren sich dabei ohne Augen optisch, ohne Nase nach Gerüchen und ohne Nerven nach Berührungen. Seit Jahrmillionen verkörpern sie eine Erscheinungsform des Lebens, die uns bisher weitgehend verborgen geblieben ist, die unsere Zivilisation aber doch rücksichtslos und unbekümmert nutzt: Land- und Forstwirtschaft machen mit den Pflanzen, was sie wollen – und vergeben sich dabei oft die Chance, dass uns diese Lebewesen in einem partnerschaftlichen Verhältnis weitaus nützlicher sein könnten, als wenn wir sie nach unserem Denken züchten, pflanzen, «maximieren», gentechnisch verändern oder zurechtstutzen.

Von Pflanzen lernen
Die Parallele von Stadt und Baum kommt hier nicht von ungefähr, haben doch beide Gebilde sehr ähnliche logistische Probleme zu lösen. Der Baum ist wie die Stadt an Ort und Stelle gebunden, muss alles was er braucht entweder selbst produzieren oder zuführen und sich von aussen mit Rohstoffen und Wasser versorgen. Er muss kommunizieren und die bedarfsgerechte Verteilung der Produkte sicherstellen, sich Energie beschaffen, Abfälle entsorgen usw.. Bäume lösen alle diese Aufgaben seit Jahrmillionen mit grossem Erfolg. Visionäre Wissenschafter gehen heute davon aus, dass wir Menschen von der Art, wie Pflanzen ihr gesamtes Leben organisieren, noch viel lernen können. Unser neues Wissen über sie wirft zu ihrer heutigen, unbekümmerten Nutzung verschiedene Fragen auf und führt zwangsläufig dazu, dass wir sie – und damit die ganze Natur - mit anderen Augen betrachten.

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