Wahrheiten über Märchentiere

  • Donnerstag, 3. Dezember 2015, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 3. Dezember 2015, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 4. Dezember 2015, 1:47 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 4. Dezember 2015, 11:15 Uhr, SRF 1

Märchen, in denen Tiere vorkommen, enthalten oft mehr Wahrheiten über die pelzigen, schlüpfrigen oder gefiederten Protagonisten, als man denkt – vor allem, wenn man über unsere eigene Kultur hinaus schaut: Ein Beitrag zum SRF Themenschwerpunkt «Märchen».

In einem Märchenwald blickt ein versprengter Schneewittchen-Zwerg auf vergangene Zeiten zurück: Wie sich alles verändert hat, seit Schneewittchen nicht mehr ist und sich die Prinzessin einen Prinzen angelte, indem sie den verwunschenen Frosch an die Wand knallte. Doch warum war der Prinz ausgerechnet ein Frosch? Frösche sind in der Natur erstaunliche Verwandlungskünstler, werden doch aus einer geschwänzten Kaulquappe im Wasser plötzlich richtige Frösche, die an Land steigen. Frösche, die in ihrem äusseren Körperbau doch stark demjenigen des Menschen gleichen.

«NETZ NATUR» bleibt aber nicht allein in der Welt der Grimm-Märchen, sondern lässt auch eine alte, weise Indianerin vom Stamm der Cree Geschichten über dieselben Tiere erzählen: Der Frosch als Tier, das den Menschen lehrt, wie man alle Hindernisse überspringt und mit seinem rhythmischen Gesang den Atem der Mutter Erde wiedergibt.

Oder die Geschichte des Bibers, der mit einer Handvoll Lehm vom Grund des Wassers das Festland geschaffen hat, auf dem wir alle leben. Dieser Mythos ist kein Wunder, denn der Biber war in der Natur Europas und Nordamerikas die bestimmende Kraft in den Flussebenen. Durch seine Dämme regulierte er den Abfluss der Gewässer, nutzte die Wälder und bestimmte, welche Gebiete trocken lagen oder unter Wasser gesetzt wurden: Er war das entscheidende, gestaltende Lebewesen in den Landschaften des Flachlands, bevor der Mensch diese Rolle an sich riss – und die Biber bei uns ausrottete.

Erstaunliche Parallelen auch beim Verwandlungsmythos der Raben: Die schwarzen Vögel als verwandelte Buben bei den Gebrüdern Grimm und als Reinkarnation, als Verwandlung eines verstorbenen Menschen beim Stamm der Tlingit-Indianer. Raben sind so intelligent, dass es naheliegt, dass ein verwandelter Mensch in ihnen steckt.

Und der Wolf, der wie kein anderes Tier in den Märchen zwischen Gut und Böse polarisiert: Vom Wolfskind Mogli im Dschungelbuch-Märchen bis zum Rotkäppchen- und Geisslein-Fresser bei den Grimms. Oder als erster Freund des Menschen, der ihm den Hund geschenkt hat bei den Cree. Die Sendung zeigt, dass die Rolle von Tieren im Märchen stark davon abhängt, wer solche Geschichten über sie erzählt und welche Erfahrungen verschiedene Kulturen mit den Tieren, mit denen sie jeweils im Kontakt stehen, gemacht haben. Aber überall wird deutlich, dass in jedem Märchen ein Stück Wahrheit steckt - auch bei den Tieren.

NETZ NATUR