Wilde Natur: Geld oder Leben (Biosfera)

Mensch und Tier im Val Müstair unter der Lupe

Wo der Bär die Schweiz betritt, wo Adler kreisen, Murmeltiere pfeifen und die jungen Gämsen spielen, scheint die Welt noch in Ordnung. Doch Natur-Idyllen sind im ganzen Land längst bedroht. Gibt es noch Platz für Wildnis und Natur in harmonischen Kulturlandlandschaften? Oder erhebt der Mensch Anspruch auf die totale Nutzung? NETZ NATUR begleitet junge Menschen ins abgelegene Val Müstair und beobachtet, wie sie dem dortigen Biosphärenprojekt auf den Zahn fühlen.

Offenbar führt ein uralter Bären-Wechsel aus Italien über das Alpen-Tal im äussersten Osten der Schweiz, jenseits des Ofenpasses: Alle Bären, die bisher von Italien her Schweizer Boden betreten haben, sind übers Val Müstair gekommen. Und auch jetzt tummelt sich wieder einer genau dort an Grenze und kommt wohl demnächst in die Schweiz. Die gemächlichen Brummer wurden seit dem Auftauchen des ersten Bären «JJ2» im Jahr 2006 durch die Bevölkerung im Val Müstair mehrheitlich willkommen geheissen. In einem Bären-Projekt hat man inzwischen die Entsorgung der Abfälle verbessert und entlang der Passstrasse stehen heute bärensichere Abfall-Behälter, um den nächsten zottigen Einwanderern keine einfache Futterquelle zu bieten, so dass sie den Menschen fern bleiben.

Und es ist dies nicht die einzige Pioniertat zugunsten der Natur in dieser Gegend. Mit dem Schweizerischen Nationalpark als Kernzone des Naturschutzes hat das Val Müstair seit Oktober 2010 das Label eines UNESCO Biosphären-Reservates erhalten: Es verzichtet auf industrielle, landwirtschaftliche und touristische Grossprojekte und hat sich auf allen Ebenen der sanften Nutzung der Natur verpflichtet.

NETZ NATUR begleitet eine Gruppe junger Menschen bei ihrer Expedition ins brisante Thema von Mensch und Natur: Wie darf der Mensch die Natur Mensch nutzen, ohne sie zu zerstören? Wie prallen die verschiedensten Interessen bei der Nutzung aufeinander? Gibt es Kompromisse, die den Menschen im Tal ein gutes Auskommen und gleichzeitig die langfristige Erhaltung reichhaltiger natürlicher Lebensräume und ihrer Bewohner ermöglichen?

Bis heute hat es die Bevölkerung geschafft, den «Rom» als einzigen Fluss in der Schweiz von der Quelle bis zur Schweizer Grenze unverbaut zu erhalten und gleichzeitig den Strombedarf des ganzen Tales mit Wasserkraft völlig unabhängig zu decken. Eine wegweisende, technische Pionierleistung dezentraler Stromproduktion, die dank enormer Überzeugungsarbeit engagierter lokaler Naturschützer und schliesslich auch der Kompromissbereitschaft der Elektrizitätswirtschaft möglich wurde. Bachforellen, Wasseramseln und Libellen danken dafür und ein harmonisches Landschaftsbild blieb erhalten, das auch dem Tourismus förderlich ist.

Die Landwirtschaft hat sich weitgehend biologischer Produktion verpflichtet und vermarktet erfolgreich lokale Spezialitäten direkt an die Kunden. Dank schonender, landwirtschaftlicher Nutzung von Trockenwiesen an den Südhängen konnte man so dem Felsenfalter, der vom Aussterben bedroht ist, günstige Verhältnisse schaffen. Auch im Forst, im Tourismus oder in der Verkehrsplanung werden so Schritt für Schritt naturverträgliche, nachhaltige Formen der Nutzung erarbeitet. Und natürlich geht das alles nicht ohne Konflikte ab:

Der SAC will im Val Mora eine bestehende Hütte massiv ausbauen. Wenn sie neu ganzjährig betrieben würde, brächte das auch im Winter viele Menschen ins stille Seitental – Wildtierspezialisten sehen Gefahr für die Winterruhe des Wildes, wenn Schneeschuh- und Skiwanderer in grösserer Zahl durchs Tal streifen und die Hütte motorisiert versorgt wird. Die Landwirtschaft möchte das ausgiebige Bewässern der Wiesen mit Wasser aus dem Bach eher noch ausbauen, was die Artenvielfalt der Pflanzen in den Wiesen stark einschränkt. Manche Vertreter der Tourismusbranche liebäugeln mit weiteren Liften und Bahnen für den Wintersport und hätten gern mehr Wasser aus kleinen, ökologisch wichtigen Alpseen für Schneekanonen. Auch die Horden von Motorradfahrern, die auf ihren Passtouren den ganzen Sommer über ungebremst durchs Tal brettern und bis in die hintersten Winkel des Tales lärmen, sind weitere Knatternüsse auf dem Weg zu einem Umgang mit der Natur, die das Label einer Biosphäre verdient.

Zwölf junge Menschen haben für NETZ NATUR die spannenden Fragen, die sich im Verhältnis zwischen Mensch und Natur in einem Alpental stellen, in einem Projekt des Vereins «Graubünden Wald» und «Biosfera Val Müstair» aufgearbeitet und damit auch Erkenntnisse und Antworten gefunden, die für ihre eigene Zukunft grundsätzlich entscheidend sind. Die Erfahrungen im Projekt «Biosfera» zu einem friedlichen Nebeneinander von Mensch und Natur haben somit eine Bedeutung, die weit über das kleine Alpental hinaus gehen.

NETZ NATUR