Barbara Lüthi liebt Zugfahrten in Asien

Wer wissen will, was in einem Land vor sich geht, muss auf die Bahnhöfe und nicht auf die Flughäfen. Im Zug werden Menschen zu Weggefährten und Landschaften erzählen Geschichten. Eine Reise durch den Norden Burmas.

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Unterwegs im Zug

1:40 min, vom 3.8.2015
Marin Suter wartet auf den Zug nach Pyin oo Lwin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zweite Kamera Marin Suter wartet auf den Zug nach Pyin oo Lwin. SRF

Wir sind in Hsipaw, einer kleinen, burmesischen Stadt im Stammesgebiet der Shan-Minderheit, und möchten mit dem Zug nach Pyin Oo Lwin, der ehemaligen Sommerresidenz der britischen Kolonialherren reisen.

Und wir haben einen Plan: Während ich mit Kameramann Laurent Stoop und Übersetzer Leo im Zug filme, werden die Produzentinnen Elvira Stadelmann und Andrea Pfalzgraf mit dem zweiten Kameramann Marin Suter versuchen, dem nostalgischen Gefährt – so gut es eben geht – zu folgen und die Reise von aussen dokumentieren.

Schon bevor der Zug einfährt, spüre ich ein kribbeliges Gefühl im Magen. Es ist eine Mischung aus Vorfreude und Aufregung, die ich immer dann verspüre, wenn ich nicht genau weiss, was bevorsteht. So fühle ich mich am Wohlsten.

Ein ganzes Land in einem Zug

Ich liebe Zugfahrten in Asien. Es gibt einem Gelegenheit auf kleinstem Raum und in kürzester Zeit viel über ein Land und seine Menschen zu erfahren. Bilder, Gerüche, Geräusche und Gesten vermischen sich zu einem Ganzen. Die Menschen werden zu Weggefährten und die Landschaft erzählt eine Geschichte. Auch wenn man einfach nur sitzt und still beobachtet, ist man Teil einer gemeinsamen Reise. Und wenn man noch etwas länger sitzt und den Augenkontakt sucht, wird man eingeladen aktiv mitzureisen. Es ist in diesem Moment, wenn Schicksale zu Geschichten werden.

Kameramann Laurent Stoop und Reporterin Barbara Lüthi im Zug von Hsipaw nach Pyin oo Lwin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kameramann Laurent Stoop und Reporterin Barbara Lüthi im Zug von Hsipaw nach Pyin oo Lwin. SRF

Loslassen und eintauchen...

... sind überstrapazierte Worte, doch beim Reisen ist es entscheidend, die Bedeutung dieser Worte nicht nur zu erfassen, sondern eben auch zu leben.

Kurz nach der Abfahrt setzt sich eine ältere Frau mit freundlichem, runden Gesicht neben mich und bietet mir von ihrem Frühstück an. Ein süsslicher Brotfladen, ein Rezept ihrer Grossmutter. Sie will wissen, woher ich komme und was ich denn sonst zum Frühstück esse. Nudelsuppe – meine Antwort scheint sie nicht zu erstaunen, wir sind ja in Asien.

Die Männer hinter uns sind betrunken. Das Angebot mitzutrinken, lehne ich ab. Nur wegen der frühen Morgenstunde. Sie wollen nach Mandalay, um dort einen Job zu finden, in ihrem Dorf gibt es nichts zu tun, sagen sie. Doch jetzt wo sich das Land öffne und Touristen kommen, hoffen sie auf eine Arbeit auf einer Baustelle, denn Touristen brauchen grosse Hotels, sagen sie. Ob sich das Land verändert habe, seit 2011, will ich wissen? Sie zucken die Schultern, in ihrem Dorf nicht. Das Leben sei noch immer hart und der Fortschritt weit weg.

Barbara Lüthi beim Mittagessen im Zug in Burma. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gemeinsames Mittagessen Grosse Portion und scharf. SRF

Stopp an einer Garküche - gemeinsame Siesta

Der Zug rattert gemächlich durch den Norden Burmas. Es ist eine eigene Welt auf Rädern. Tempo, Rhythmus und Tagesablauf sind für alle gleich. Zum Mittagessen stoppt der Zug an einer lokalen Garküche. Die Frauen schöpfen Reis, Gemüse und Fleisch in kleine und grosse Pappkartons, die sie den Reisenden anbieten. Wie immer wähle ich die grosse Portion und die scharfe Variante. Nach dem Essen wird es ruhig, wir schlafen ein. Der kollektive Mittagsschlaf wird begleitet von leiser Musik, die aus einem kleinen Radio summt, das eine Nonne, die vis-à-vis von mir sitzt, im Schoss hält. Reden mag sie nicht, doch sie lächelt mich unverwandt an. Realität vermischt sich mit Traumwelt.

Bahnwärter wirft sich in Schale

1:11 min, vom 3.8.2015

Jahrzehnte von der Aussenwelt abgeschnitten

Und während wir im Zug in den Schlaf gleiten, treffen Elvira, Andrea und Marin an den Gleisen einen Bahnwärter, der extra für die Aufnahmen seine Uniform anzieht. Er steht stramm und winkt, als er von ihnen gefilmt wird, wie er stolz den Zug vorbeiwinkt.

Beeindruckt bin ich von der blinden Masseurin, die ich gleich nach der Siesta ein paar Bänke weiter hinten im Zug kennenlerne. Eine Krankheit hat sie als junges Mädchen erblinden lassen. An die richtige medizinische Versorgung war nicht zu denken in einem Land, das fast sechs Jahrzehnte lang unter einer Militärdiktatur litt und völlig von der Aussenwelt abgeschnitten war. Ihr Mann sitzt neben ihr. Er arbeitet als Tagelöhner in Yangon und erzählt von den steigenden Bodenpreisen, welche die Wohnungen in der Hauptstadt für normale Menschen unerschwinglich machen. Sie müssten bald zurück aufs Land ziehen, sagen die beiden.

Ausbildung ist die grosse Hoffnung

Zum ersten Mal vom Land in die Stadt reist die Familie, die mich zu einem weiteren Mittagessen einlädt. Die Familie, die der Minderheit der Kachin angehört, ist unterwegs nach Mandalay zur Diplomfeier ihrer Tochter. Ausbildung ist die grosse Hoffnung für alle, die von der sanften Öffnung profitieren und ihr Leben verändern wollen in einem Land, das vor grossen Entscheidungen steht.

Kurz vor dem Aussteigen erzählt mir der Zugmechaniker noch, dass der Zug während der Regensaison auch manchmal entgleise. Die Infrastruktur sei noch so schlecht, wie unter der Militärjunta, doch zumindest die Weichen seien jetzt richtig gestellt.

Dann sind wir da.

Wir steigen in Pyin Oo Lwin aus. Und jedes Mal, wenn ich nach intensiven Begegnungen den Zug verlasse, kommt mir das Zitat der britischen Autorin Lisa Saint Aubin de Téran in den Sinn:

«Travelling is like flirting with life. It’s like saying - I would stay and love you, but I have to go, this is my station.»