Billige Ware, Wanderarbeiter, Wundermittel

«Die Engländer haben uns viel genommen, aber die Chinesen nehmen noch viel mehr. Myanmar ist heute eine chinesische Kolonie», sagt mir ein burmesischer Historiker in einem Interview. Wie das aussieht, erlebe ich an der Grenze zwischen Burma und China.

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In der Grenzstadt Muse

3:42 min, vom 3.8.2015

Die Strasse windet sich in steilen Kurven durch die Serpentinen. Mir ist schlecht. Ich verbringe die Hälfte der 12 Stunden Fahrt mit dem Kopf aus dem Fenster, um frische Luft zu schnappen.

Barbara Lüthi im Grenzgebiet zwischen China und Myanmar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Grenzgebiet Barbara Lüthi unterwegs zwischen China und Myanmar. SRF

Mit Kameramann Laurent Stoop und Übersetzer Leo bin ich unterwegs an die Grenze zwischen Burma und China. In dieser abgelegenen Region, im Norden von Burma, kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen Armee und Rebellengruppen.Unser Ziel ist die Stadt Muse. Chaotisch, ärmlich, staubig. Nur ein paar Schritte trennen Burma hier von China. Auf der chinesischen Seite liegt Ruili. Herausgeputzt, boomend, neonverziert. Die Unterschiede könnten grösser nicht sein.

Hoffen auf Arbeit im Riesenreich

Vor dem Grenzhäuschen in Muse stehen die Menschen Schlange. Es sind Wanderarbeiter, die in China Geld verdienen. Für Touristen und Journalisten ist der Grenzübergang gesperrt.

«Für die gleiche Arbeit auf einer chinesischen Baustelle erhalten wir halb so viel wie chinesische Bauarbeiter, doch was können wir tun? Wir brauchen Arbeit», sagt uns ein junger Burmese.

Die jungen Burmesinnen, die in den Lokalen von Ruili für die chinesischen Gäste tanzen, sind noch ungeschminkt. In einer Tasche tragen sie Plateauschuhe und Miniröcke. Viele schlüpfen auch einfach durch den löchrigen Grenzzaun, um auf die andere Seite zu gelangen.

Auf der anderen Seite sei alles besser, schöner, neuer, sagt ein junger Ladenbesitzer, der seine elektronische Ware billig aus China bezieht. Die Nähe zu China lässt die Händlerherzen höher schlagen.

Barbara Lüthi und Kameramann Laurent Stoop in der Grenzstadt Ruili. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf der chinesischen Seite Barbara Lüthi und Kameramann Laurent Stoop in der Grenzstadt Ruili. SRF

Eine unscheinbare Grenzstadt mit grosser Bedeutung

Muse ist eine winzige Stadt mit riesiger, strategischer Bedeutung für die Grossmächte China und Indien. Muse ist der letzte Grenzpunkt vor Chinas Zugang zum Indischen Ozean. Und Muse wird für Indien immer wichtiger werden, wenn es sich Ostasien annähern wird.

Dann wird statt des schmalen Grenzübergangs eine mehrspurige Autobahn Chinas Südprovinz Yunnan mit den Bohrinseln am bengalischen Golf verbinden.

Bereits heute führt von dort aus eine Leitung burmesisches Öl an Muse vorbei in den Süden Chinas. Eine zweite Leitung soll Öl aus den arabischen Emiraten durch Burma nach China transportieren und ein Fünftel des Gesamtbedarfs des Riesenreichs decken.

Seit Burma sich geöffnet hat, ist das Puzzleteil, das fehlte, wieder am richtigen Ort. Eine vergessene Region, die plötzlich das geopolitische Zentrum Asiens bildet. Burma ist Transportweg und Landbrücke. Burma ist da wo China auf Indien trifft. So lautet auch der Titel des Buches, das ich in meinem Gepäck mittrage. Meine Reisebibel durch Burma geschrieben von Historiker und Demokratieverfechter Thant Myint-U.

Auf dem Jade-Markt in Ruili Kostbarer Rohstoff aus Burma Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf dem Jade-Markt in Ruili Kostbarer Rohstoff aus Burma SRF

Billige Ware gegen Rohstoffe

Im burmesischen Muse spricht man chinesisch, bezahlt mit chinesischer Währung und telefoniert mit dem «China Mobile»-Netz. Was aus China nach Myanmar kommt, findet sich auf den Märkten von Muse: Kühlschränke, Handys, Reiskocher, Kleider und Äpfel.

Was in die andere Richtung geht, oft auf illegalen Wegen, ist weniger sichtbar. Nebst Wassermelonen und Tomaten sind das Heroin, Opium, Jade, Rubine und Tropenholz aus den Stammesgebieten der Minderheiten.

«China überschwemmt uns mit billiger Ware und nimmt dafür unsere Rohstoffe», sagt unser Übersetzer Leo. Er ist von unserer Reportage-Reise angetan, aber eben auch überfordert. Er führt normalerweise Touristen durch die Tempelanlagen von Mandalay.

Abenteuerliche Strecke durch die Serpentinen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abenteuerliche Strecke durch die Serpentinen SRF

Mit allen Wassern gewaschen ist unser Fahrer. Ein junger Burmese, der zuvor als Lastwagenfahrer chinesische Güter in seine Heimat gekarrt hat. Am Abend, bei burmesischem Bier, erzählt er uns von den 18-stündigen Trips entlang der Serpentinenstrasse. Auf dieser Route gilt das Gesetz des Stärkeren und die Hupe ersetzt die Bremsen. Und er erzählt von einem Häuschen, in dem sich die Fahrer ein Wundermittel genehmigen, das sie auf der langen Fahrt wach halten soll.

Auch wir wollen am nächsten Tag weiter mit einem Lastwagenfahrer. Weiter auf der «Old Burma Road», auf dieser legendären Strasse voller Helden- und Handelsgeschichten.

Literaturhinweis:

    • Where China Meets India Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Where China Meets India SRF

      Wo China auf Indien trifft

      Thant Myint-U: Where China Meets India: Burma and the new Crossroads of Asia, 2011.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 04.09.2015 21:00

    DOK – Old Burma Road
    Von Dali nach Ruili

    04.09.2015 21:00

    Ihre Reise entlang der «Old Burma Road» führt Barbara Lüthi in der zweiten Folge durch eine der vielfältigsten Provinzen Chinas, durch Yunnan.